Sparkassen Zeitung

Economy

„Gücklich sein kann man lernen“

Ausgabe #6/2017 • Glück
Sandra Wobrazek

Heide-Marie Smolka, Psychologin und Buchautorin, über die Bedeutung von Glück, den Irrglauben von der rosaroten Brille und warum die Menschen früher glücklicher waren.

Sparkassenzeitung: Was genau ist Glück?

Heide-Marie Smolka: Das ist eine nicht so leicht zu beantwortende Frage, denn man muss dabei zwei Arten von Empfindungen unterscheiden. Es gibt zum einen die Zufriedenheit. Sie ist die Basis vieler Dinge und betrifft unterschiedliche Lebensbereiche wie Partnerschaft, Beruf und die Zufriedenheit mit sich selber. Das ist das Glück, das über unser Denken zustande kommt. Das zweite ist das so genannte hedonistische Glück, das über den Moment und das Jetzt entsteht. Beispiele sind etwa, wenn man ein gutes Stück Schokolade isst, die Sonne scheint oder man etwas Schönes wahrnimmt.

Kann man glücklich sein lernen?

Smolka: Ja, das kann man – indem man seine Denkmuster verändert. Es ist anfangs vielleicht nicht einfach, aber schlussendlich ist es eine reine Übungssache. Das Problem ist ja, dass die meisten Menschen in negativen Gedanken gefangen sind und Nörgeln und Grantigsein schon Teil unseres Alltags geworden sind. Hinzu kommt die Tatsache, dass materielle Dinge heute leider eine große Bedeutung haben. Man muss sich deshalb bewusstmachen, dass es nicht die materiellen Dinge sind, die glücklich machen. Wer ein großes Auto hat, will auch eine große Wohnung, mehr Geld und so weiter. Das wird immer mehr und mehr. Viele Menschen hecheln dem falschen Glück des Wohlstandes hinterher, doch das funktioniert nicht. Das wird dann sehr schnell eine Tretmühle des Glücks, in der man immer mehr Dinge braucht, um wirklich glücklich zu sein.

Wie kann man aus dieser Tretmühle herausfinden?

Smolka: In dem Buch „Zum Glück mit Hirn“, das ich mit der Medizinerin Katharina Turecek verfasst habe, zeigen wir, wie man das lernen kann. Wir haben auch eine App entwickelt, mit der man testen kann, wie glücklich man ist, und gleich die passenden Trainingsmöglichkeiten erhält. Es hilft zum Beispiel, wenn man sich überlegt, was einen im hohen Alter, wenn man auf sein Leben zurückblickt, wirklich glücklich gemacht haben wird. Das sind dann meistens ganz grundlegende Dinge. Oft sorgen aber erst lebensverändernde Ereignisse dafür, dass man sich bewusst wird, was wirklich zählt im Leben. Im Rahmen einer Studie wurden etwa durch einen Unfall querschnittsgelähmte Menschen befragt, wie glücklich sie sind. Ein Drittel hat angegeben, glücklicher zu sein als vor dem Unfall, eben, weil diese Menschen einen Wertewandel erfahren haben. Wichtig ist auch, dass man Glückskiller meidet.

Was wäre so ein Glückskiller?

Smolka: Zum einen Stress und nicht genug Zeit für sich selber. Wer nur noch arbeitet und keine Zeit für Freizeit hat, wird nicht glücklich sein können, weil er den Moment nicht mehr genießen kann. Auch die Medien spielen eine Rolle, etwa durch andauernd negative Nachrichten. Ein großer Glückskiller sind auch Smartphones und die Tatsache, dass wir glauben immer und überall erreichbar sein zu müssen. Wer andauernd WhatsApp-Nachrichten oder Mails bekommt und das Gefühl hat, dass er sie gleich beantworten muss, der kommt nie zur Ruhe, ist nicht im Hier und Jetzt – und kann dadurch auch nicht glücklich sein. Andauernd im Turbomodus zu sein birgt die große Gefahr eines Burn-outs, und man braucht einen Gegenpol zu Stress und Hektik.

Wie kann man sich diesen Gegenpol selber erschaffen?

Smolka: Indem man sich immer wieder bewusst eine Handy- und Computer-Auszeit nimmt und diese Geräte nicht nur auf lautlos, sondern wirklich komplett ausschaltet. Man kann sich dann zum Beispiel in eine Hängematte oder einen Liegestuhl legen und in aller Ruhe eine Tasse Tee trinken. Bei all diesen Dingen findet man wieder zu sich selber und in den Moment hinein. Die Königsklasse bei all dem ist schlussendlich die Meditation. Deshalb sind kleine Kinder oft glücklicher – weil sie im Moment leben. Das haben wir Erwachsenen oft verlernt, wie sich auch bei meinen Seminaren zeigt.

In welcher Form zeigt sich das?

Smolka: Ich stelle den Teilnehmerinnen und Teilnehmern immer die Frage: „Wie geht es Ihnen genau jetzt in diesem Moment?“ Die meisten sagen, „Es geht mir gut, weil ich heute Abend etwas Schönes vorhabe“ oder „Es geht mir gut, weil ich heute früh gut gefrühstückt habe“. Doch darum geht es nicht, es geht nicht darum, was war oder sein wird, sondern um diesen einen Moment – und darum, ihn wahrzunehmen.

Das klingt logisch und einfach. Warum sind dann nicht mehr Menschen glücklich?

Smolka: Studien belegen, dass die Glückskurve leicht abnimmt und die Menschen früher tendenziell glücklicher waren. Doch eine Sache ist auch ganz klar: Absolutes Glück ist eine reine Illusion – man kann nicht immer nur glücklich sein und andauernd alles durch die rosarote Brille sehen. Das soll auch gar nicht das Ziel sein. Denn es gehört zum Leben dazu, dass man Konflikte und Probleme akzeptiert und negative Emotion bewusst zulässt. Die Frage ist nur: Wie lange lässt man sie zu und wie lange beschäftigt man sich damit?

Oft ist es schwer, negative Gedanken und Emotionen zu verdrängen …

Smolka: Ja, aber meistens erzählen wir von negativen Erlebnissen auch mehreren Menschen und das immer und immer wieder. Indem man jedoch mit Kollegen, dem Partner und Freunden darüber spricht und diese vielleicht auch von ihren negativen Eindrücken berichten, kommen die Erinnerungen immer wieder hoch – und verstärken sich mit der Zeit mehr und mehr. Das Hirn merkt sich diese negativen Gedanken und daraus ergibt sich eine Spirale. Deshalb sollte man sich darauf beschränken, solche Dinge nicht zu oft zu erzählen. Der Ausweg: dass man von den schönen Erlebnissen, von dem, was einem Gutes widerfahren ist, erzählt. Denn auch davon gibt es vieles – man muss es nur bewusst wahrnehmen und schätzen lernen.

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Was zählt, sind die Menschen