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Economy

Gleichberechtigt ist nicht gleichgestellt

Ausgabe #1/2020 • Female Edition
Stephan Scoppetta

NOCH IMMER VERDIENEN FRAUEN WENIGER, HABEN WENIGER PENSION, GRÜNDEN SELTENER EIN UNTERNEHMEN UND SITZEN SELTENER IN FÜHRUNGSPOSITIONEN. DOCH ES BEWEGT SICH ETWAS, DAS WEIBLICHE GESCHLECHT HOLT AUF. TROTZDEM IST DER KAMPF UM DIE GLEICHSTELLUNG NOCH LANGE NICHT AUSGEFOCHTEN.

Olympe de Gouges, Marianne Hainisch, Bertha von Suttner, Clara Zetkin, Marga Hubinek, Johanna Dohnal – das waren in den vergangenen drei Jahrhunderten wichtige Vorkämpferinnen der Frauenbewegung, und sie haben viel bewegt. Seit dem Staatsgrundgesetz von 1867 gilt der Gleichheitssatz als Verfassungsgebot, und Artikel 7 der österreichischen Bundesverfassung von 1920 stellt fest, „alle Bundesbürger sind vor dem Gesetz gleich“, und erweitert diesen allgemeinen Gleichheitsgrundsatz durch den Satz „Vorrechte der Geburt, des Geschlechts, des Standes, der Klasse und des Bekenntnisses sind ausgeschlossen“. Doch so gleich die Menschen vor dem Gesetz sind, so groß sind die Unterschiede der Geschlechter noch immer im täglichen Leben in Österreich.

DER KLEINE UNTERSCHIED

Die Wissenschaft war Jahrhunderte damit beschäftigt, die großen Unterschiede der Geschlechter herauszuarbeiten, oft mit dem Hintergrund, die Vormachtstellung des männlichen Geschlechts zu untermauern. Sätze wie „Frauen können nicht einparken“, „Männer können nicht reden“ benennen hartnäckige Klischees, an denen die Wissenschaft nicht ganz unbeteiligt war. Neben sprachlichen und logisch-analytischen Fähigkeiten oder Vorstellungsvermögen sei auch Intelligenz, so die Annahme bis ins letzte Jahrhundert, quasi „von Natur aus“ gegeben – und mit dem Geschlecht wurden solche „natürlichen Determinationen“ verbunden. Diese behaupteten Unterschiede wurden herangezogen, um die gesellschaftliche Ordnung zu legitimieren. In den 1970er-Jahren wurde feministische Kritik an den herrschenden Vorstellungen laut. Frauen, die im Bereich der Naturwissenschaften studierten und arbeiteten, fühlten sich benachteiligt, weil ihnen aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit weniger zugetraut wurde. Feministische Biologinnen deckten in den folgenden Jahrzehnten und bis heute Defizite in vielen naturwissenschaftlichen Arbeiten auf, und selbst die klassische „Jäger versus Sammlerinnen“- Theorie wird jetzt kritisch gesehen. Es sind eben nicht nur die Gene für die Entwicklung von Gehirnstrukturen und -funktionen verantwortlich, es ist auch unser soziales Umfeld. Diese sogenannte „biosoziale Entwicklung“ der beiden Geschlechter unterliegt kulturellen und gesellschaftlichen Normen.

FRAUEN LEBEN LÄNGER UND GESÜNDER

Es ist statistisches Faktum, dass Frauen länger leben als Männer. Laut Statistik Austria betrug 2018 die durchschnittliche Lebenserwartung von neugeborenen Buben in Österreich 79,3 Jahre, bei den Mädchen waren es etwa 84 Jahre. Warum Frauen älter werden als Männer, wird zwar erforscht, aber sicher ist sich selbst die Wissenschaft noch nicht. Man vermutet einen genetischen Vorteil beim Doppel- X-Chromosom der Frauen, aber eine Klosterstudie des Bevölkerungswissenschaftlers Marc Luy zeigt, dass ungesunde Lebensführung oft die Ursache für schnelleres Ableben der Männer ist. Die Studie stellt fest, dass die Lebenserwartung von Mönchen etwa vier Jahre höher ist als die des Durchschnittsmannes. Tägliche Routine, wenig Stress und das gemäßigte Leben mit wenig Alkohol sieht er als Gründe. Mönche pflegen einen gesünderen Lebensstil, was auch auf Frauen zutrifft: Frauen gehen häufiger zum Arzt, achten auf eine ausgewogene Ernährung, machen mehr Bewegung und trinken weniger Alkohol.

WENIGER GELD EIN LEBEN LANG

Leider ist statistisch auch belegt, dass sich die Finanzlage von Frauen und Männern sowohl im aktiven Erwerbsleben und ganz besonders im Alter unterscheidet. Ursache allen Übels ist, dass Frauen noch immer weniger verdienen als Männer. Der Gender Pay Gap, wie der Gehaltsunterschied von Expertinnen genannt wird, ist in den letzten Jahren zwar kleiner geworden, liegt in Österreich aber noch immer bei 19,9 Prozent und damit fast vier Prozent über dem EUSchnitt. Während das durchschnittliche Bruttoeinkommen laut Statistik Austria (2017) von Männern bei 52.033 Euro liegt, verdienen Frauen durchschnittlich 41.785 Euro brutto im Jahr – das sind 10.248 Euro weniger. Die Ursachen sind bekannt: lange Erwerbsunterbrechungen aufgrund von Kinderbetreuungspflichten und Jobs in niedrig entlohnten Branchen. Ein echter Karriere- und Gehaltskiller ist Teilzeitarbeit. Unglaubliche 51,4 Prozent der Frauen in Österreich arbeiten Teilzeit, während das nur 11,8 Prozent der Männer tun. Das niedrigere Gehalt in der aktiven Erwerbszeit wird in der Pension zu einem echten Problem, wie sich bei einem Pensions-Gap von 30 Prozent zeigt. Frauen in der Europäischen Union haben 2018 im Schnitt um 30 Prozent weniger Pension erhalten als Männer. Österreich liegt laut europäischer Statistik-Behörde Eurostat mit 39 Prozent über dem Durchschnitt und EU-weit auf Platz vier. Noch schlimmer sind die Pensionsunterschiede nur in Luxemburg, wo Frauen über 65 Jahren 43 Prozent weniger Pension als Männer derselben Altersgruppe bekommen, gefolgt von Malta (42 Prozent) und den Niederlanden (40 Prozent).

AUF DER FÜHRUNGSEBENE AM VORMARSCH

Erstmals in der Geschichte hat Österreich eine Bundesregierung, in der mehr Frauen sitzen als Männer. Neun der 17 Posten (inklusive Staatssekretärinnen) sind weiblich besetzt. Lässt man streng nach Gesetz die Staatssekretärinnen weg, ist die Quote – mit 53,3 Prozent – sogar noch ein wenig höher. Doch was auf Staatsebene bereits funktioniert, ist in der Wirtschaft noch nicht angekommen. Anfang 2019 wurden 8,2 Prozent der Positionen in den Geschäftsführungen und 21,4 Prozent der Aufsichtsratsposten bei den 200 umsatzstärksten Unternehmen in Österreich von Frauen besetzt. Während der Frauenanteil in den Aufsichtsräten ein neues Rekordhoch erreichte, ging der Anteil in den Geschäftsführungen gegenüber dem Vorjahr leicht zurück. Übrigens liegt Österreich hier in etwa im Schnitt des DACH-Raums. Auch bei den 200 größten deutschen Unternehmen lag der Frauenanteil in den Vorständen im Jahr 2018 nur bei 9 Prozent und in den Aufsichtsräten bei 26,9 Prozent. In der Schweiz waren es 8,8 Prozent in den Konzernleitungen und 25,6 Prozent in den Verwaltungsräten. Nebenbei bemerkt liegt die Quote von Frauen in Führungspositionen in der Erste Bank über 40 Prozent. Damit ist das Unternehmen in Sachen Gleichberechtigung sicher ein Vorreiter in Österreich.

ZAHL DER GRÜNDERINNEN STEIGT

Doch die Frauen holen auf. An den Universitäten herrscht insgesamt ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis und in Studienrichtungen wie Medizin, Publizistik und Kommunikationswissenschaft oder Pharmazie liegt der Frauenanteil deutlich über jenem der Männer. Auch bei den Unternehmensgründungen holten Frauen in den vergangenen Jahren deutlich auf. 2019 wurden in Österreich 32.386 Unternehmen gegründet. Der Frauenanteil bei den Neugründungen kletterte auf 45,5 Prozent. Wenige Gründerinnen gibt es noch in den Bereichen Technik, IT oder Life Sciences. Aber auch hier zeigt sich ein deutlicher Aufwärtstrend. Laut Austrian Start-up Monitor 2019 wurden seit 2008 in Österreich 2.200 Start-ups gegründet – bereits 18 Prozent von Frauen. Ein Drittel der Start-ups hat mindestens eine weibliche Gründerin im Team. Zunehmend wird Diversität als Asset gesehen, und das spiegelt sich auch in den Zahlen wider.

Beim Thema Gleichstellung der Geschlechter hat sich in Österreich zwar einiges in den letzten Jahren bewegt, doch es ist noch immer ein weiter Weg zu gehen. Eines ist sicher, das belegen zahlreiche Studien: Vielfalt ist ein Erfolgsfaktor für Unternehmen und die Wirtschaft insgesamt, den es auch weiterhin zu fördern gilt.

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Was zählt, sind die Menschen