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SPIEGEL, Spieglein an der Wand …

Ausgabe #3/2020 • RE-START

JOURNALISTISCHE QUALITÄT HAT ZWAR IHREN PREIS, ABER AUCH EINEN HOHEN STELLENWERT BEI DEN LESER_INNEN

Vielen von uns ist der „Spiegel-Schock“ noch gut in Erinnerung: Im Dezember 2018 machte das Hamburger Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL den Skandal um seinen damaligen Autor Claas Relotius bekannt. Wie sich herausstellte, hatte der vielfach ausgezeichnete Journalist in Artikeln immer wieder Szenen, Gespräche und Ereignisse erfunden, und das über Jahre.

Viele LeserInnen haben sich daraufhin gefragt, ob man nicht einmal mehr sogenannten Qualitätsmedien vertrauen könne. Was ist Wahrheit, was Fake News, was Betrug? Aus Sicht der Krisen-PR hat das Magazin aber richtig reagiert. Nichts vertuscht, sondern sich rasch aus der Paralyse befreit, alles aufgearbeitet und Maßnahmen zur künftigen Verhinderung so eines Falls nach bestem Wissen und Gewissen gesetzt.

„WIR HATTEN DAMALS NUR EINE CHANCE: DAS DESASTER ZUGEBEN, AUFARBEITEN UND DIE RICHTIGEN SCHLÜSSE DARAUS ZIEHEN.“.“

SPIEGEL-Chefredakteur Steffen Klusmann
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70 SEITEN „REDAKTIONELLE STANDARDS“ SOLLEN SPIEGEL-VERTRAUENSKRISE BEENDEN

Im Frühjahr – noch kurz bevor die Corona-Krise zugeschlagen hat – wurde schließlich auf der Spiegel-Webseite ein mehr als 70 Seiten umfassendes Werk als eine „zeitgemäße Rückbesinnung auf die Grundsätze, nach denen die Spiegel-Redaktion arbeitet“ veröffentlicht. Ob die neuen redaktionellen Standards die Knitter und Falten im Leservertrauen wieder glattbügeln können, wird sich zeigen. Diese Qualitätssicherungsaktion hatte bzw. hat allerdings auch ihren Preis: Nach dem Motto „Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser“ hat die Spiegel-Mannschaft über ein Jahr lang umfangreiche Redaktionsstandards und spezielle Kontrollverfahren mit dem Einsatz von „DokumentarInnen“ erarbeitet sowie eine Ombudsstelle für Verdachtsfälle eingerichtet. Dass dies mit einem nicht unerheblichen laufenden Zeitund Kosten-Aufwand verbunden ist, liegt auf der Hand.

LESER_INNEN RETTEN REGIERUNGSKRITISCHES MAGAZIN IN MOSKAU

Kosten zur Beibehaltung der Qualität, sprich „Unabhängigkeit“, kamen auch auf das traditionelle, Kreml-kritische Magazin „The New Times“ in Moskau zu. 1943 gegründet und inzwischen zu einem wöchentlich erscheinenden Online-Magazin mutiert, stellt es eine der wenigen kritischen Inseln dar, die es in Russland noch gibt. In diesem Fall hatte sich die Redaktion nicht selber etwas vorzuwerfen, sondern die Kritik am Kreml ging diesem 2018 zu weit. Daher sollte The New Times eine existenzgefährdende Strafe wegen  angeblich „nicht vorschriftsgemäßer Deklaration von ausländischen Einkünften“ zahlen: 22 Millionen Rubel (rund 300.000 Euro) und damit die höchste Strafe, die je gegen ein russisches Medium verhängt wurde. Doch die LeserInnen retteten das Magazin, indem binnen weniger Tage – dank Crowdfunding – der gesamte Betrag gespendet wurde. Auch das ist eine Möglichkeit unabhängige qualitative Berichterstattung zu erhalten.

Journalistische Qualität hat also nicht nur ihren Preis, sondern auch einen hohen Stellenwert bei den LeserInnen, die offensichtlich sogar bereit sind, dafür zu zahlen. Dies sollte man bei der Konzeption und Gestaltung des Geschäftsmodells von neuen wie bestehenden Medien be- und überdenken und der Objektivität und Unabhängigkeit den höchsten Stellenwert einräumen.

Markus Nepf leitet die Stabsstelle Kommunikation des Österreichischen Sparkassenverbandes.

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