Sparkassen Zeitung

Werte

In der Ruhe liegt die Kraft

Ausgabe #3/2020 • RE-START
Sandra Wobrazek

RESILIENZ – EINE SCHLÜSSELRESSOURCE, DIE MITARBEITER_INNEN UND KONZERNE IN KRISEN STABILISIERT. WIE UNTERNEHMEN GESTÄRKT DURCH HARTE ZEITEN KOMMEN UND DER NEUSTART ERFOLGREICH GELINGEN KANN.

Der Gummiball zeigt es vor: Egal, wie stark man ihn drückt, er bewegt sich immer in seine Ausgangsform zurück. Vor allem aus der Psychologie ist jene Fähigkeit bekannt, dank der Menschen schwierige Situationen ohne nachhaltige psychische Beschädigungen überstehen: die Resilienz oder Widerstandskraft.

ORIENTIERUNG, FREIRAUM, BEZIEHUNG

Auch in der Wirtschaft wird die Eigenschaft, gravierende Krisen zu bewältigen, mehr und mehr relevant, hat man doch erkannt, dass Resilienz eine Schlüsselressource ist und dank ihr MitarbeiterInnen, CEOs und das Unternehmen selbst Krisen überstehen, an ihnen wachsen und in weiterer Folge (weiterhin) erfolgreich sein können. Coach Egon Darnhofer-Demàr vom Klagenfurter Institut in+mind berät unter anderem Unternehmen, wie sie Stärke aufbauen. Er sagt, dass Menschen, sowohl im privaten wie im beruflichen Umfeld, drei Dinge benötigen, um produktiv zu sein: Orientierung, Freiraum und Beziehung. Orientierung liefert einen Rahmen, gibt Sicherheit und nimmt Ängste. Dazu brauchen MitarbeiterInnen auch Freiraum, um sich als Mensch auszuleben. „Man muss das Gefühl haben“, erklärt Darnhofer-Demàr, „dass man etwas beitragen und sich entwickeln kann. Der dritte Punkt ist, dass Menschen in Beziehungen zueinanderstehen müssen. Man muss in die Arbeit gehen und sich überwiegend freuen, dass man seine Kolleginnen und Kollegen sieht. Denn wenn die Mitarbeitenden einander nicht mehr mögen, beginnen Grabenkämpfe – und die Energie geht woanders hin.“

RÄUME ÖFFNEN

Besonders entscheidend: dass man in Krisen schnell aus der Opferrolle herauskommt und erkennt, dass man selber etwas zur Veränderung beitragen kann – indem man zusammenhält und sich seiner eigenen Stärken, der des Teams und jener des Betriebs bewusst wird. Jedoch: Von allein schaffen das die MitarbeiterInnen nur bis zu einem gewissen Grad – um langfristig und nachhaltig Resilienz aufzubauen, ist das Verhalten der Führungskräfte essenziell. Denn wenn AbteilungsleiterInnen und CEOs nicht bereits in stabilen Phasen mit gutem Beispiel vorangehen, ihre Angestellten motivieren und Anreize schaffen, werden diese in Krisen nicht über die Motivation und das notwendige Interesse verfügen, ihren Betrieb mit vereinten Kräften durch die schwere Zeit zu tragen.

„Führungskräfte, die mit Mitarbeitenden in Beziehung gehen können, dabei aber noch Führungskräfte bleiben, sind ebenfalls ein wichtiger Punkt für Resilienz. Es geht um Sinngebung, um Respekt vor der ,Autopoiese‘, der Selbsterschaffung und -erhaltung eines Systems. Also der Eigenverantwortlichkeit und der Würde der Mitarbeitenden und der Kundinnen und Kunden“, sagt Darnhofer-Demàr. Er betont, dass neben der Fähigkeit, den MitarbeiterInnen die nötigen Freiräume zu lassen und die dafür notwendigen Strukturen zu schaffen, auch wichtig ist, dass Führungskräfte vorangehen und „Räume öffnen“.

MIT NACHHALTIGKEIT PUNKTEN

Dass auch das Thema Nachhaltigkeit, gerade in der aktuellen Krise, eine entscheidende Rolle spielt, betont man seitens der Plattform respACT – austrian business council for sustainable development. Der Zusammenschluss von über 300 kleinen bis großen österreichischen Unternehmen setzt sich für Corporate Social Responsibility (CSR) und nachhaltige Entwicklung ein – und verweist auf die Risiken entlang globaler Liefer- und Leistungsketten sowie die Stärken regional ausgerichteter Geschäftsmodelle. Hinzu kommt die Bedeutung regionaler Kreislaufwirtschaft, nicht zuletzt, um die Abhängigkeit von internationalen Rohstoffimporten zu reduzieren.

Dabei erkennt man seitens respACT in der CoronaKrise auch Möglichkeiten und betont, dass die Chancen der Digitalisierung derzeit besonders sichtbar werden, stellen sie doch unter anderem die Notwendigkeit zahlreicher Geschäftsreisen und Pendlerwege in Frage. Hinzu kommt: Gesundheit und Wohlergehen von Mitarbeitenden bekommen in vielen Unternehmen verstärkt Aufmerksamkeit und EntscheidungsträgerInnen übernehmen mehr Verantwortung für ihre Teams.

DIE STÄRKE DER KLEINEN

Doch welche Unternehmensformen sind besonders gut geeignet, resilient durch Krisen zu kommen und Hürden zu meistern? In großen Unternehmen seien die Strukturen schwerer veränderbar, wie Darnhofer-Demàr erinnert, da es dort hauptsächlich um messbare Erfolge und quantitative Belohnung gehe. Bei Start-ups hingegen erkennt man seiner Ansicht nach sehr gut, dass es auch andere Denkformen und Arten der Zusammenarbeit geben kann: „Jene, bei denen der Mensch und die Kooperation zwischen Menschen wieder im Mittelpunkt stehen. KMUs sind klein und flexibel genug, diese Sichtweisen zu verbinden und durch mutige, sinnvolle, gemeinsame Entwicklungen messbare
Erfolge zu generieren.“


__________________________________________________________

UNTERNEHMEN ALS LEBENDIGE ORGANISMEN BETRACHTEN“

Unternehmensberater Egon Darnhofer-Demàr
__________________________________________________________


Unternehmensberater Egon Darnhofer-Demàr, in+mind, über die Kennzeichen von Resilienz – und warum Mikromanager heute nicht mehr gefragt sind.

Was sind die wichtigsten Merkmale von Resilienz?

Egon Darnhofer-Demàr: Dass man Dinge annehmen und so akzeptieren kann, wie sie sind. Das ist jedoch nicht leicht. Schon bei internen Veränderungen geht viel Energie verloren, weil die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Unklaren gelassen werden und vielleicht sogar Angst um ihren Job haben. In Krisen wie der aktuellen funktioniert ein Unternehmen in einer Schockstarre zwar weiter, ist dabei aber nicht produktiv. Wieder in Aktion zu kommen ist ein guter Start für Resilienz.

Was ist seitens der Führungskräfte gefragt, um ein Unternehmen und seine MitarbeiterInnen resilient zu machen?

Darnhofer-Demàr: Es geht darum, dass man vom klassischen Chef, der im schlimmsten Fall ein Mikromanager ist und mir sagt, was ich wann und wie zu tun habe, wegkommt. Der über jede E-Mail liest und mir keinen Freiraum lässt. Man muss Strukturen schaffen, die den Mitarbeitenden Freiraum lassen, ihnen aber zugleich Sicherheit geben. In dem Sinne, dass der Chef kein Chef, sondern ein „Führer“ oder eine „Führerin“ ist. Jemand, der oder die vorangeht, Räume öffnet und unterstützt. Der oder die auch fordert, aber Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dazu einlädt, Teil eines größeren Ganzen zu sein.

Wie groß ist das Bewusstsein der Bedeutung von Resilienz in Unternehmen?

Darnhofer-Demàr: Es gibt immer mehr Führungskräfte, die verstehen, dass man nur gemeinsam Erfolge verzeichnen und die Motivation der Mitarbeitenden nicht ausschließlich über Geld erreichen kann. Denn es ist ein wichtiger Schritt, dass man Unternehmen nicht nur als Maschine betrachtet – sondern als lebendigen Organismus, der aus Unterorganismen, den Menschen, besteht.

Diesen Artikel teilen:

Was zählt, sind die Menschen