Sparkassen Zeitung

Economy

Flexibilität

Ausgabe #September/2020 • FLEXIBILITY
Herta Scheidinger und Stephan Scoppetta

WAREN UNSERE VORFAHREN NOCH AUF DAS DOGMA STABILITÄT FOKUSSIERT, SO HAT SICH DER WIND GEDREHT. WER HEUTE NICHT AGIL AUF GEÄNDERTE ANFORDERUNGEN REAGIEREN KANN, HAT MORGEN VERLOREN. EIN NEBENEFFEKT DER PANDEMIE IST, DASS NEUE ARBEITSMODELLE UND AUCH DIE DIGITALISIERUNG ZUNEHMEND IN DEN FOKUS RÜCKEN. WAS BEDEUTET DAS FÜR DIE ZUKUNFT?

Flexibilität leitet sich vom lateinischen Verb flectere ab, das so viel wie „biegen“ oder „beugen“ bedeutet. Flexibel sein heißt also in der Lage sein, sich auf neue Anforderungen der Umwelt einzustellen und sich entsprechend anzupassen. Ausgelöst durch Technologiesprünge, neue Arbeits-, Produktions- und Kommunikationsprozesse und nun verstärkt durch die Corona-Krise, ist Flexibilität in der Arbeitswelt besonders wichtig geworden. Und sicher ist auch: Dieser Fähigkeit kommt zukünftig besonders beim Spagat zwischen Arbeit, Freizeit und Privatleben eine immer wichtigere Rolle zu. Je flexibler man ist, desto erfolgreicher wird man den Balanceakt zwischen Privatleben und Beruf meistern. Anders Indset, einer der weltweit führenden Wirtschaftsphilosophen: „Anpassungsfähigkeit ist heute essenziell. Mut ist das Zweite. Was würden sie anders machen, wenn Sie keine Angst hätten? Häufig liegt darin der Schlüssel. Die Bereitschaft, sich vom Bekannten zum Unbekannten zu bewegen. Wer sich damit schnell auseinandersetzt, wird die Grundlage für zukünftigen Erfolg schaffen.“

MODERNE ARBEITSWELT ERFORDERT MEHR FLEXIBILITÄT

Der Arbeitsmarkt und die Arbeitswelt befinden sich in einem schon länger andauernden Veränderungsprozess, hin zu einer zunehmenden Flexibilisierung oder „Entgrenzung“ der Arbeit. Die moderne Arbeits- und Lebenswelt stellt immer höhere Anforderungen an ArbeitnehmerInnen und genauso an Selbstständige. Anforderungen, denen mit Flexibilität begegnet werden muss. Unzählige Jobs haben sich positiv verändert und wandeln sich immer noch. Veränderungen brechen nicht nur verkrustete Strukturen auf, sondern können eine herausfordernde Abwechslung sein, die einen zwingt, einen Schritt weiterzugehen. Und nicht zuletzt sind erfolgreich bewältigte Veränderungsprozesse ein Grund, stolz auf die eigene Leistung zu sein. Indset: „Flexible Arbeit ist grundsätzlich gut, aber auch hier sehen wir, dass die Rahmenbedingungen nicht für alle gleich sind. Großes Haus, Garten und Ruhe ist dann doch was anderes als Zweizimmer-Wohnung. Viele Menschen werden sich darauf freuen, sich morgens müde aus dem Bett zu quälen, um zu Kolleginnen und Kollegen ins Büro zu kommen – einfach, um auch eine Struktur zu haben. Auch wenn wir annehmen, das freie denkende Wesen hätte einen Antrieb und Willen, viele Menschen, auch mit Bildung, erfüllen nicht diese Anforderungen und sind damit nicht für die große Freiheit geschaffen.“

HOME-OFFICE WIRD ZUM NEUEN STANDARD

Deloitte Österreich hat gemeinsam mit der Universität Wien und der Universität Graz den Status quo flexibler Arbeitsmodelle in heimischen Unternehmen in der Flexible Working Studie 2020 erhoben. Das Ergebnis zeigt, dass vor COVID-19 Homeoffice in 75 Prozent der österreichischen Unternehmen nur von wenigen Einzelpersonen beziehungsweise sehr eingeschränkten Zielgruppen genutzt wurde. Während des Lockdowns gaben knapp 80 Prozent der Unternehmen an, dass der Großteil ihrer MitarbeiterInnen aus dem Homeoffice arbeitet. Nur zwei Prozent der Unternehmen nutzten die Homeoffice-Möglichkeit nicht. „Bereits vor dem Ausbruch der Pandemie hat das Thema Homeoffice stark an Fahrt aufgenommen. Jedoch hätte es wohl noch Jahre gedauert, bis ein ähnliches Level erreicht worden wäre wie während des Lockdowns. Jetzt gilt es, aus dem Krisenmodus zu lernen und nicht in alte Muster zurückzufallen“, so Christian Korunka, Leiter des Arbeitsbereichs „Arbeits- und Organisationspsychologie“ an der Fakultät für Psychologie der Universität Wien. Christian Havranek, Partner von Deloitte Österreich ergänzt: „Eine Rückkehr zu alten Arbeitsweisen ist weder einfach noch sinnvoll. Die Pandemie hat für die Unternehmen eine Gelegenheit geschaffen, sich wieder an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu wenden, ihre Arbeitsweisen zu überdenken und ihre Arbeitsplätze neu zu gestalten.“


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DIE FÄHIGKEIT, EIGENES WISSEN STÄNDIG ZU HINTERFRAGEN,
ZUSAMMEN MIT DEM PERMANENTEN ANTRIEB, DIE WELT
BESSER ZU VERSTEHEN, WERDEN ERFOLGSFAKTOREN SEIN.“

Anders Indset,
Wirtschaftsphilosoph
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MODERNE UNTERNEHMEN DENKEN ANDERS

Neue Wege in der Arbeitswelt geht auch die 1999 gegründete Softwareschmiede CELUM. Heute beschäftigt der Gründer und CEO Michael Johann Kräftner rund 100 MitarbeiterInnen in Österreich und ist der weltweit führende Anbieter für Lösungen zu Dateiverwaltung, Product Content Mangement und transparenter Zusammenarbeit in Marketing Teams. Zu seinen KundInnen zählen heute Unternehmen wie Lidl, Scott Sports, Porsche, Hipp, der FC Bayern München oder voestalpine. Eckpfeiler der Unternehmensphilosophie sind bei CELUM ein Start-up-Spirit kombiniert mit traditionellen Werten wie Nachhaltigkeit und langfristige Zielsetzungen. Kräftner: „Wir streben danach, dass wir durch moderne Tools schlagkräftiger werden, Ressourcen sorgfältiger einsetzen und insgesamt trotz großer, mutiger Ambitionen Spaß bei der Erfüllung unserer Mission haben. Das bedeutet flache Hierarchien und wenige, aber nachvollziehbare Leadership-Methoden: Offenheit, Exzellenzanspruch und agile Zusammenarbeit. Auch in modernen und vermeintlich hierarchielosen Strukturen haben wir aber festgestellt, dass die Entwicklung und das Coaching von Führungskräften ein Schlüssel zum Erfolg ist, den auch wir lange unterschätzt haben.“


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DAS SCHNELLE REAGIEREN AUF GEÄNDERTE ANFORDERUNGEN,
IM GROSSEN WIE IM KLEINEN, IST MIT SICHERHEIT EIN SCHLÜSSEL,
WIE UNTERNEHMEN HEUTE ERFOLGREICH SEIN KÖNNEN.“

Michael Johann Kräftner,
CEO UND GRÜNDER VON CELUM
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Auch hohe Flexibilität, virtuelle Zusammenarbeit sowie eine Work-Life-Balance haben bei CELUM einen hohen Stellenwert. Kräftner: „Wobei mir wichtig ist, dass das nicht Work versus Life bedeutet, sonst wären ja die Arbeitstage weggeworfene Lebenszeit.“ Im Unternehmen kommen auch Homeoffice und für manche MitarbeiterInnen zusätzlich Modelle wie eine Vier-Tage-Woche zum Einsatz. Kräftner: „Aber von einer kompletten Komprimierung der Arbeitslast auf nur vier Tage halte ich wenig. Darüber hinaus ist es aufgrund des Fachkräftemangels und des signifikanten internationalen Wettbewerbs völlig illusorisch, querbeet auch noch die verfügbaren Ressourcen zu beschneiden.“

Begriffe wie jung, dynamisch und flexibel machen Kräftner misstrauisch, zu sehr haben diese Wörter den Geruch zur Schau gestellter Modernität. Kräftner: „Agilität als Wirkprinzip ist sicher treffender. Das schnelle Reagieren auf geänderte Anforderungen, im Großen wie im Kleinen, ist mit Sicherheit ein Schlüssel, wie Unternehmen heute erfolgreich sein können.“ Bei CELUM hat man mit WorkRooms auch eine eigene Cloud-Software zur agilen Zusammenarbeit entwickelt und gerade zum Beginn der Corona-Krise vorgestellt. Verteilte Teams und MitarbeiterInnen im Homeoffice sind umso mehr auf eine transparente und agile Methode zur Organisation von Aufgaben und Dateien angewiesen – genau das bietet das neue CELUM-Produkt WorkRooms. Doch der CELUM-Chef ist noch ein bisschen skeptisch, ob die Unternehmen, insbesondere in Europa, mit der neu geforderten Agilität überhaupt mithalten können. „Der europäische Rückstand in der Digitalisierung, auch und vor allem bei Prozessen zur Zusammenarbeit und dem verteilten Arbeiten, manifestiert sich gerade durch den starken Impact von COVID-19. Viele Unternehmen führen seit März händeringend Kommunikationstools wie Microsoft Teams oder Slack ein. Schön und gut, aber leider sind die Prozesse im Grunde zu spät angelaufen. Jetzt bleibt den Unternehmen viel zu wenig Zeit, sich beim Einführen solcher Lösungen Gedanken darüber zu machen, wohin diese Prozesse letztendlich führen sollen. Amerikanische Unternehmen starten hier mit einer Tool-Ebene Vorsprung.“

OPFER DER FLEXIBILITÄT

Nicht wenige erkennen in der Forderung nach mehr Flexibilität nicht nur Chancen. Sie haben Sorge, überhaupt Schritt zu halten. Sich rechtzeitig anzupassen und zu verändern ist unbequem und fordernd. Entsprechend fühlen sich viele damit hoffnungslos überfordert. Was für den einen nur eine leichte Veränderung seines Verhaltens darstellt, kann für den anderen schon eine komplette Kehrtwende im Denken und Handeln bedeuten. Vielen Menschen fällt das deshalb so schwer, weil es sie zu einem radikalen Bruch zwingt. Sie müssen liebgewonnene Gewohnheiten ändern, vielleicht ihr bisheriges Berufs- und Privatleben neu arrangieren. Wirtschaftsphilosoph Indset: „Verliererinnen und Verlierer sind die, die sich nicht mit Entwicklungen auseinandersetzen, die Welt nicht verstehen. Selbsternannte Expertinnen und Experten in starren Systemen, die auf Absolutheiten und Endlichkeit ausgelegt sind, werden ersetzt durch Menschen mit Bewusstsein für die Unendlichkeit. Die Fähigkeit, eigenes Wissen ständig zu hinterfragen, zusammen mit dem permanenten Antrieb, die Welt besser zu verstehen, werden Erfolgsfaktoren sein. Statt aus der fatalen Informationsgesellschaft, in der wir uns heute ein gerichtet haben, und der Vision, alles mit Technologie zu ersetzen für eine suggerierte Wissensgesellschaft, führt der Weg in Richtung einer Gesellschaft des Verstandes. Wissen ist nicht verstehen. Die Erfolgsformel lautet also: Von Selbstverständlichkeit und Weltverständlichkeit zur neuen Selbstverständlichkeit.“

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