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Economy

„Flexibilität ist Freiheit und damit auch Verantwortung “

Ausgabe #September/2020 • FLEXIBILITY

FRANZ KÜHMAYER, TRENDFORSCHER UND EXPERTE FÜR DAS THEMA „ZUKUNFT DER ARBEIT“, SPRICHT IM INTERVIEW ÜBER FLEXIBILITÄT, FEHLER ALS NOTWENDIGKEIT UND DIE GEFAHREN EINES KOORDINIERUNGS-CHAOS.

Wie wichtig ist das Thema Flexibilität in der modernen Wirtschaft?

Franz Kühmayer: Ich verstehe Flexibilität als Fähigkeit, mit dem Ungeplanten, mit Überraschungen umzugehen. Also beweglich zu bleiben im Angesicht einer sich rasch und kräftig ändernden Außenwelt. Konsequent weitergedacht führt das zu einem Paradigmenwechsel für Unternehmen: Nicht mehr die beste Langfrist-Strategie oder der ausgefeilteste Business-Plan entscheidet über Wohl und Wehe, sondern die Anpassungsfähigkeit an die Umwelt. Das setzt voraus, dass man sich davon verabschiedet, durch Perfektion des bisherigen Vorgehens die Zukunftsfähigkeit abzusichern. Der Glaube an den Sieg des Fehlerlosen über das Wahre ist ein Grundübel, vor allem auch auf der Kommandobrücke.

Ist Flexibilität eher Fluch oder Segen?

Kühmayer: Ich fange mit der absoluten Bewertung wenig an und würde auch dazu raten, nicht in diesen Dimensionen zu denken und zu handeln. Wir müssen verlangen dürfen, dass Managerinnen und Manager Ambidextrie beherrschen, also nicht das Entweder-oder, sondern das Sowohl-als-auch. Und Flexibilität trägt natürlich beides in sich, sie verleiht uns Spielraum und bedeutet gleichzeitig den Verlust von Stabilität. Das müssen eine Organisation und die Menschen darin aushalten.

Wo stecken die Risiken?

Kühmayer: Die Gefahren entstehen dort, wo aus dem Wunsch nach gesteigerter Reaktionsfähigkeit eine ziellose Beliebigkeit wird. Dann verwandelt sich das Befreiungserlebnis, nicht mehr starr von neun bis fünf am Schreibtisch sitzen zu müssen und drei Jahre alten Plänen zu folgen, in ein Koordinierungs-Chaos. Führung bedeutet eben immer öfter, auf der normativen Ebene tätig zu sein, sich zu fragen, was das Ganze zusammenhält. Werte, Kultur, das Unternehmen als Sozialsystem.

Was ist von Modellen wie der Vier-Tage-Woche oder dem bedingungslosen Grundeinkommen zu halten?
Sind solche Konzepte umsetzbar?

Kühmayer: Der Gedanke geht schon in die richtige Richtung, ist aber in seiner Ausgestaltung noch sehr komplex. Es wird unterschätzt, wie wichtig neben dem Einkommen auch das Gefühl ist, gebraucht zu werden, und wie bedrückend umgekehrt die Erfahrung ist, wenn dies nicht erlebt wird. Spätestens seit dem Klassiker der Soziologie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ wissen wir das. Menschen rein finanziell für eine massive Veränderung der Arbeitswelt zu entschädigen, wird nicht ausreichen.

Wie wird Corona die Zukunft der Arbeit mitbestimmen?

Kühmayer: Vordergründig ist nun bei allen Büro-Unternehmen das Ende der Anwesenheitspflicht eingeläutet, und damit auch der Abschied von einem Management-Denken, in dem sich Führungskräfte noch als Aufpasserinnen oder Aufpasser über die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gesehen haben. Das liegt hinter uns, wir haben gelernt, neu zu arbeiten, auch in jenen Unternehmen, die sich in der Vergangenheit noch mit Ingrimm gegen Homeoffice und digitale Zusammenarbeit gewehrt haben. Ich habe aber die Hoffnung, dass unsere Entwicklung nicht damit abgehakt ist, sondern weitergeht, hin zu substanziellen Fragen der Zukunft der Arbeit: Also nicht nur, warum müssen wir ins Büro fahren, sondern was ist unsere menschliche Rolle in der Arbeitswelt, was macht gute Arbeit aus.


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„DAS ZENTRALE WORT IST VERTRAUEN UND DAMIT DIE EINSICHT, DASS ES NUR LOGISCH IST, SEINEN
MITARBEITERINNEN UND MITARBEITERN GROSSE GESTALTUNGSSPIELRÄUME ZU GEWÄHREN.“

Franz Kühmayer,
Trendforscher
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Wie kann man Flexibilität in Unternehmen fördern?

Kühmayer: Das zentrale Wort ist Vertrauen und damit die Einsicht, dass es nicht nur logisch ist, seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern große Gestaltungsspielräume zu gewähren, sondern auch praktisch. Vor allem aber ist es eine Frage des Menschenbildes, das man sich zurechtgelegt hat.

Was zeichnet moderne und agile Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus? Ist die nachfolgende Generation für die neuen Herausforderungen gerüstet?

Kühmayer: Flexibilität bedeutet, sein eigenes Umfeld verantwortungsbewusst zu gestalten, sich einsetzen zu können, zu dürfen – und auch zu müssen. Nicht nur für wirtschaftlichen Erfolg, sondern auch für ein gegenseitiges Vorankommen, im Geiste des gemeinsamen größeren Ziels. Das bedeutet auch, sich aus der Konsumhaltung zu lösen, dass die Chefin oder der Chef einem schon sagen wird, was zu tun ist. Flexibilität ist Freiheit, nicht von etwas, sondern zu etwas: und damit auch Verantwortung. Ich glaube, das ist keine Frage des Alters, sondern der persönlichen Reife – und wo die in den Augen der Führung fehlt, entsteht ja direkt der Auftrag für das Unternehmen, in Personalentwicklung zu investieren.

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