Sparkassen Zeitung

Economy

„Wir können viel zur Lösung der aktuellen Probleme beitragen “

Ausgabe #September/2020 • FLEXIBILITY
Stephan Scoppetta und Markus Nepf

BERND SPALT, CEO DER ERSTE GROUP, ÜBER DIE FOLGEN DER PANDEMIE, EINE DRINGEND NOTWENDIGE STRATEGIEPLANUNG FÜR DIE ZUKUNFT UND NEUE EXPANSIONSPOTENZIALE

2020 haben Sie die Führung der Erste Group übernommen. Hätten Sie sich ein einfacheres Jahr für die Übernahme der Funktion des Vorstandsvorsitzenden gewünscht?

Bernd Spalt: Der Job des CEO eines Unternehmens wie der Erste Group ist nie einfach – mit oder ohne Pandemie. Ich bin seit über 30 Jahren in der Erste Group, und da gab es immer wieder kritische Phasen zu überwinden. Aber ich kenne die Bank und ihre Strukturen, wie wir funktionieren, sehr gut und konnte als Risikomanager in den vergangenen Jahren sehr viel Erfahrung damit sammeln, wie man mit Situationen umgeht, die es bisher noch nicht gegeben hat. Daher: Es geht in dieser Situation nicht um meine Wünsche, sondern darum, was wir aus der Situation machen – und wir sind gut aufgestellt, auch für diese Herausforderung.

Das heißt, Sie sind bestens für die aktuelle Situation gerüstet?

Spalt: Ich bin überzeugt, dass sowohl die Erste Group als größte Bankengruppe Österreichs bzw. Zentral- und Osteuropas als auch ich, mit meiner langjährigen Erfahrung als Manager in ebendieser Bank, gerade jetzt unsere Stärken ausspielen können. In den vergangenen Monaten konnten wir als Teil der kritischen Infrastruktur unseres Landes zeigen, dass wir viel zur Lösung der aktuellen Probleme beitragen können. Eines hat die Pandemie gezeigt: Die Menschen brauchen nicht nur Lebensmittel oder eine medizinische Versorgung, sondern auch Finanzdienstleistungen, damit die Wirtschaft, ja das gesamte öffentliche Leben nicht völlig zum Erliegen kommt.

War das nicht eine extreme Aufwertung für die Banken insgesamt?

Spalt: Hätte man vor einem Jahr die Menschen gefragt, wie wichtig Banken für das tägliche Leben sind, wären wir sicher am unteren Ende gelistet worden. Doch diese Krise hat allen klargemacht, dass wir von entscheidender Bedeutung für den Wirtschaftszyklus sind. Gleichzeitig war das aber auch eine unglaubliche Herausforderung für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, in einer Phase größter Ansteckungsgefahr durchzuhalten und den Kreislauf in Bewegung zu halten. Alle von uns in der Erste Bank und Sparkassengruppe waren uns der Verantwortung bewusst und sind auch in dieser extrem kritischen Situation der Rolle nachgekommen, den finanziellen Wohlstand in unserem Land hochzuhalten. Ich bin sehr beeindruckt und dankbar für den Einsatz und die Solidarität jeder und jedes einzelnen. Diesen Spirit müssen wir aufrecht erhalten – denn die Krise ist noch nicht vorbei.

Welche Herausforderungen galt es hier zu bewältigen?

Spalt: Innerhalb kürzester Zeit mussten wir uns quasi komplett neu erfinden. Die Arbeit in den Filialen und im Betrieb musste aufgrund der hohen Ansteckungsgefahr völlig neu organisiert werden. Dieses Umschalten in den Krisenmodus hat sehr gut funktioniert. Jetzt, nachdem wir schon mehrere Monate den Krisenmodus aufrechterhalten, stellt sich aber zunehmend die Frage, wie es weitergeht.
Menschen sind soziale Wesen, und wir brauchen die Interaktion. Aktuell sind wir gerade dabei, mithilfe einer sehr breit durchgeführten Mitarbeiterbefragung die aktuellen Bedürfnisse unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wissenschaftlich zu analysieren. Auf dieser Basis werden wir Optimierungen für die Zukunft durchführen. Ich glaube, dass es hier extrem viele Dimensionen gibt, für die man jetzt – infolge der richtigen Fragen – gewissenhafte Entscheidungen fällen muss und dann zügig umsetzt.


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„DER AUF EU-EBENE ENTWICKELTE RECOVERY-FUND MIT 750 MILLIARDEN EURO IST EIN WICHTIGER SCHRITT IN DIE RICHTIGE, GEMEINSAME RICHTUNG UND WIRD EUROPA IN DEN NÄCHSTEN JAHREN DEUTLICH WEITERBRINGEN.“

Bernd Spalt,
CEO der Erste Group

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Waren in der aktuellen Phase auch die Learnings aus der Finanzmarktkrise 2008 und der Währungskrise 2011 von entscheidender Bedeutung?

Spalt: Eine der strukturellen Konsequenzen der Finanzmarktkrise war, dass die Regulatoren und die Politkerinnen und Politiker eine höhere Eigenkapitalquote bei den Banken gefordert haben – und das zurecht. Krisen sind immer unvorhergesehen und gehen meist mit wirtschaftlichen Einbrüchen einher. Hat man aber einen entsprechenden Risikopuffer, lassen sich solche Phasen überstehen. Letztendlich haben uns die vergangenen Krisen also robuster gemacht.

Sie zeigten sich in den letzten Interviews und auch bei der Präsentation der Halbjahreszahlen doch optimistischer als erwartet, was die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes, aber auch der Erste Group betrifft. Dürfen wir durchatmen?

Spalt: Die Ausgangshypothese zur Krisenbewältigung im März war: Wir sperren alles zu und senken die Infektionsrate, und wenn diese in einem vertretbaren Maß liegt, dann fahren wir die Wirtschaft wieder hoch. Die Hypothese hat sich aufgrund eines konsequenten Handelns der Regierung bewahrheitet. Die Wirtschaft ist in den letzten Monaten auch wieder angelaufen und teilweise ist eine gewisse Normalität wieder hergestellt. Das hilft der Erholung unserer Volkswirtschaft, aber ich gehe nicht davon aus, dass wir eine V-förmige Erholung erleben werden.

Was ist ein Hemmschuh für ein schnelles Comeback der Wirtschaft?

Spalt:Wir werden in der kalten Jahreszeit wieder ein Ansteigen der Infektionsrate erleben und das wird erneut zu Einschränkungen führen, die auch wirtschaftlich Folgen haben werden. Ich gehe also eher von einer wellenförmigen Erholung aus. Wir werden Geduld brauchen, bis wir diese Krise überwunden haben.

Setzt aus Ihrer Sicht die Politik die richtigen Schritte, um Schaden von der heimischen Wirtschaft abzuwenden?

Spalt: Anfangs hat die Politik die richtigen Maßnahmen mit dem Lockdown und auch den Förderungen und Hilfspaketen gewählt. Das hat nicht nur viele Menschenleben gerettet, sondern auch den wirtschaftlichen Schaden für unser Land deutlich eingegrenzt. Doch nun brauchen wir ein Programm für die Zukunft. Wie sorgen wir für Wachstumsimpulse und Investitionsanreize? Wie können wir bestehende Arbeitsplätze absichern und neue, zukunftsorientierte Beschäftigungsfelder? Dafür haben wir ermutigende Ansätze, aber noch keinen konkreten Plan, und den brauchen wir dringend.

Welchen Beitrag kann hier die Erste Group leisten?

Spalt: Wir als Erste Bank und Sparkassengruppe haben das Know-how, wir haben auch Kapital und wir haben Kundennähe. Doch nun braucht es ein klar definiertes Programm, wie wir den Kapitalmarkt, Investitions-Impulse sowie das Eigenkapital der heimischen Unternehmen wieder stärken. Aber auch, wie wir den Wohlstand der Bürgerinnen und Bürger absichern und in den nächsten Jahren vermehren. Wir stehen bereit uns hier für unser Land einzusetzen. Dazu finden bereits kontinuierlich Gespräche auf nationaler und europäischer Ebene statt.

Hat diese Krise die Gräben in Europa wieder aufgerissen und die europäische Idee fast beerdigt?

Spalt: Tatsächlich stehen wir heute an einem Scheideweg. Entweder zerfällt Europa in Zwergstaaten oder es folgt eine weitere Vertiefung der EU. Als überzeugter Europäer wünsche ich mir Zweiteres. Zudem bin ich der Überzeugung, dass wir im globalen Wettbewerb als Einzelstaaten keine Chance haben. Wie sollten wir uns gegen mächtige Staaten wie die USA oder China als Einzelstaaten durchsetzen? Wir müssen zusammenstehen. Der nun auf EU-Ebene entwickelte Recovery-Fund mit 750 Milliarden Euro ist ein wichtiger Schritt in die richtige, gemeinsame Richtung und dieser wird Europa in den nächsten Jahren deutlich weiterbringen.

Ist die aktuelle Krise auch eine Chance für die Erste und Sparkassengruppe?

Spalt: Wir sind sehr kapital- und liquiditätsstark und hochprofitabel. Zudem haben wir das richtige Geschäftsmodell und stechen auch mit unseren digitalen Angeboten, wie George, hervor. Für die Zukunft sind wir also bestens gerüstet. Schon in den vergangenen Jahren haben wir Marktanteile gewonnen, aber diese Krise wird uns zusätzliche Möglichkeiten geben, unseren Expansionskurs fortzusetzen. Dabei werden sich nicht nur organische Wachstumspotenziale, sondern auch Kaufopportunitäten ergeben.

Das heißt, das Konzept der Regionalbank hat sich gerade jetzt besonders gut bewährt?

Spalt: Geld und Wohlstand haben sehr viel mit Vertrauen zu tun, und Vertrauen entsteht nur durch Nähe. Die Sparkassengruppe ist regional verankert, versteht ihre Kundinnen und Kunden und kennt deren Bedürfnisse. Das kann eine reine Onlinebank nicht bieten und deshalb bin ich auch ein großer Anhänger von Hybrid-Modellen. Mit George bieten wir ein ausgezeichnetes Internetbanking, aber wir sind für unsere Kundinnen und Kunden auf allen Kanälen erreichbar. Man kann uns anrufen, direkt in der Filiale vorbeikommen oder einfache Zahlungsprozesse online abwickeln. Diese Kombination ist nicht zu schlagen und das hat sich auch in den vergangenen Monaten gezeigt.

Welche Schwerpunkte wollen Sie in den nächsten Jahren bei der Entwicklung der Erste Group setzen?

Spalt: In den nächsten zwölf Monaten geht es nun darum, diese Krise zu bewältigen. Als systemrelevante Großbank stehen wir zu unserer Verantwortung und werden uns auch tatkräftig einbringen. Aber gleichzeitig wollen wir aus unserer Position der Stärke heraus moderner sowie innovativer werden und den Kontakt zu unseren Kundinnen und Kunden noch weiter vertiefen. Um das zu können, müssen wir resilient bleiben und Kostendisziplin beweisen. Nur so haben wir den nötigen Spielraum, uns unserem zentralen Thema der vergangenen 200 Jahre auch in Zukunft mit aller Kraft widmen zu können: Wir schaffen Wohlstand für die Menschen und die Region.

Was gibt Ihnen Kraft, diesen herausfordernden Job zu bewältigen?

Spalt: Das ist vor allem meine Familie. Sie erdet mich, gibt mir Kraft und Wohlbefinden. An den Wochenenden koche ich für meine Familie. Und wie man sieht, koche ich nicht nur gerne, sondern esse auch gerne.

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