Sparkassen Zeitung

Werte

Warum wir tun, was wir tun

Ausgabe #5 November/2020 • SPARSAMKEIT
Sandra Wobrazek

DIE VERHALTENSÖKONOMIE UNTERSUCHT, WESHALB MENSCHEN BESTIMMTE WIRTSCHAFTLICHE ENTSCHEIDUNGEN TREFFEN. IMMER MITENTSCHEIDEND: PSYCHOLOGISCHE UND SOZIALE FAKTOREN.

Wie reagieren Individuen in bestimmten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Phasen? Warum ändert sich das wirtschaftliche Verhalten von Menschen entgegen rationaler Vorhersagen? Diese und viele weitere Fragen beschäftigen eine Spezialdisziplin der Wirtschaftsforschung: die Verhaltensökonomie.

Georg Kanitsar ist Sozioökonom am Institut für Soziologie und Empirische Sozialforschung der WU Wien. Er sagt, dass gerade in Krisen – die immer einen Bruch im Alltag einer Gesellschaft bedeuten – das menschliche Leben und Handeln in wirtschaftlicher Hinsicht stärker von Unsicherheit geprägt ist. Das führe unter anderem dazu, dass kurzfristige Investitionen ausgesetzt werden.

KEINE LUST AUF RISIKO

Laut der Verhaltensökonomie steckt dahinter das sogenannte „present bias“. „Das bedeutet, dass gegenwärtige Ereignisse“, so der Experte, „stärker gewichtet werden als langfristige, insbesondere wenn diese mit größerer Unsicherheit behaftet sind. Ein anderes Phänomen ist, dass bei möglichen Verlusten, und für viele bedeutet eine Krise einen Verlust, Menschen weniger dazu geneigt sind, Risiken einzugehen.“ Dabei, so der Forscher, findet jedoch nicht nur ein wirtschaftlicher Bruch statt, sondern auch ein sozialer, einer in unserem Alltag, was wiederum sehr häufig zu einer Reduktion auf das Wesentliche, auf Gesundheit und das soziale Umfeld führt.

Doch diese Werteverlagerung ist teils erzwungen, werden doch, wenn man weniger konsumieren kann, andere Bereiche aufgewertet. Dass diese Werteverlagerung auch langfristig besteht, bezweifelt Georg Kanitsar. Denn mit der Zeit setzt immer auch eine gewisse Krisenmüdigkeit ein: „Schon jetzt merkt man, dass die Menschen wieder Sehnsucht nach einer Fernreise oder der großen Party danach haben. Das wirkt, wie die viel zitierte Karotte vor der Nase, der aktuellen Situation entgegen, indem man sich durch sie eine zukünftige Belohnung schafft.“

PERSÖNLICHE FREIHEIT

Dennoch scheint es derzeit einen gesellschaftlichen Wandel in Sachen Konsum zu geben. So belegt eine Umfrage der Universität für Bodenkultur (BOKU), dass vor Beginn der Coronakrise freiwilliger Konsumverzicht überwiegend aus ichbezogenen Gründen stattgefunden hat. Ein Beispiel ist jener auf Alkohol, Zucker oder übermäßiges Essen während der Fastenzeit. Reduktion oder Verzicht aus anderen Gründen, wie etwa dem Klimaschutz, wurde 2019 nur vereinzelt genannt. Studienleiterin Petra Riefler weiß, dass Verzicht und Mäßigung in unserer Gesellschaft generell keine populären Werte sind: „Verzicht ist häufig negativ besetzt und mit der Einschränkung der persönlichen Freiheit gleichgesetzt. Gleichzeitig wird erkannt, dass man sich durch weniger manchmal persönlich etwas Gutes tut.“

Vergangenen Mai wurde eine zweite BOKU-Untersuchung durchgeführt, bei der sich ein deutlicher Meinungsumschwung zeigte: Rund 80 Prozent aller Befragten konnten dem Lockdown auch positive Aspekte abgewinnen. Die häufigsten waren das Gefühl von persönlicher Freiheit und geistigem Wohlbefinden, gefolgt von finanzieller Entlastung durch weniger Konsum. Auch interessant sind die Antworten auf die Frage, ob man sich auch in Zukunft vorstellen könne, für den Klimaschutz den eigenen Konsum bewusst zu reduzieren. Diese beantworteten immerhin 52 Prozent der Befragten mit einem „Ja“. Und eine von drei Personen gab an, dass es nach dem Erleben des Lockdowns künftig leichter falle, auf Dinge zu verzichten.


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„DIE REDUKTION AUF DAS WESENTLICHE, AUF VERANTWORTUNGSVOLLEN
KONSUM SPIELT FÜR IMMER MEHR MENSCHEN EINE ROLLE“

Georg Kanitsar,
Sozioökonom, WU Wien

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GESELLSCHAFTLICHE SOLIDARITÄT

Wirtschaftsforscher Georg Kanitsar sagt, dass auch die gesellschaftliche Solidarität gerade am Beginn von wirtschaftlichen Veränderungen groß ist. Dabei steht im Fokus, sich gegenseitig auf regionaler und nachbarschaftlicher Ebene zu helfen: „Es gibt Umfragen, die zeigen, dass der Zusammenhalt zu Beginn der aktuellen Krise stärker war als noch zuvor, wo man bereits vor einer Spaltung der Gesellschaft gewarnt hat. Diese Solidarität ist aber fragil, denn im Verlauf der Krise kamen zunehmend Elemente des Neids hinzu – etwa, wenn es um die Verteilung von Hilfspaketen zwischen Branchen geht.“

Er erklärt, dass Reduktion nicht den völligen Verzicht auf Konsum bedeuten kann, da er die Versorgung von Gütern in unserem Wirtschaftssystem bezeichnet und man schlussendlich keinen Ausweg als den des Konsums hat: „Wichtig ist aber, wie wir konsumieren. Und die Reduktion auf das Wesentliche, auf verantwortungsvollen Konsum, spielt für immer mehr Menschen eine Rolle. Insbesondere der regionale Einkauf ist dadurch getrieben, dass die Krise uns vor Augen geführt hat, dass wir aufeinander angewiesen sind.“ Außerdem, sagt der Forscher, bedeutet dies, dass mehr und mehr Menschen erkennen, dass ihr Kaufverhalten Auswirkungen auf das Wohlbefinden anderer Menschen hat und man durch regionalen Konsum die Abhängigkeit von globalen Lieferketten reduzieren kann.

WAS DIE ZUKUNFT BRINGT

Worauf man in Sachen Reduktion verzichten möchte, ist jedoch nicht immer so eindeutig und letztendlich eine höchst individuelle Entscheidung. So belegt die BOKU-Umfrage, dass unter jenen, die sich mehr in Verzicht üben möchten, Personen aller Altersgruppen und Bildungsschichten sind und sich Männer und Frauen in dieser Frage nicht unterscheiden. Ob diese neue Reduktion sich halten wird – genannt wurden unter anderem Einkaufen ohne konkreten Bedarf, Flugreisen sowie Kleider- und Schuhkauf –, das wird wohl erst die Zukunft zeigen.

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