Sparkassen Zeitung

Werte

Ein Stückchen Freiheit

Ausgabe #5 November/2020 • SPARSAMKEIT
Sandra Wobrazek

TINY HOUSES SIND DIE PURE WOHNREDUKTION. IM FOKUS STEHEN EINE NACHHALTIGE UND AUTARKE BAU- UND LEBENSWEISE, ABER AUCH EIN LEBEN IM EINKLANG MIT DER NATUR.

Sie sind klein, oft aus natürlichen Materialien gestaltet und treiben die Reduktion des Wohnens auf die Spitze: Tiny Houses. Was in den Vereinigten Staaten von Amerika schon seit Langem beliebt ist und zu einer regelrechten Bewegung wurde, erobert jetzt Europa. So gibt es auch in Österreich immer mehr AnbieterInnen, die sich dem Trend zum reduzierten Bauen und Wohnen verschrieben haben.

WOHNEN IN UND MIT DER NATUR

Einer der Hersteller ist die niederösterreichische Firma Wohnwagon, die es sich zum Ziel gesetzt hat, selbstbestimmtes und unabhängiges Wohnen zu ermöglichen, wobei immer auch die Natur als Lebensraum erschlossen werden soll – und das auf einer Grundfläche zwischen 15 und knapp 30 Quadratmetern. Dabei spielt auch Nachhaltigkeit eine entscheidende Rolle, werden die Wohnwagons doch in einer kleinen Manufaktur in Niederösterreich aus natürlichen Materialien erzeugt. Wobei die Preise sich, je nach Ausstattung, zwischen 50.000 und 180.000 Euro bewegen.

Der Anlass, Wohnwagon zu gründen, war die Beobachtung, dass in Sachen Bauen zu sehr nach Höherem gestrebt wird, wie Wohnwagon-Projektmanager Christoph Heinemann sagt: „Wir haben uns sehr geärgert über die Art, wie heute gebaut wird. Denn man baut viel zu groß. Die Dämmung besteht aus Sondermüll, und versorgt wird das Zuhause mit fossiler Energie – so kann es nicht weitergehen. Wir wollten deshalb zeigen, dass man es auch anders machen kann. Also haben wir ein Haus gebaut.“

AUTARKIE GEWÜNSCHT

Die Mission, so Heinemann: nicht möglichst viele Wohnwagons zu verkaufen, sondern Menschen von Naturbaustoffen, kleinem Wohnen, nachhaltigen Kreislauflösungen und autarker Energieversorgung zu begeistern. Deshalb kann man sich mit einem der Tiny Houses des Unternehmens autark mit Wasser, Strom und Wärme versorgen – dank Photovoltaik-Inselanlage, Solarholz-Zentralheizung, Bio-Toilette und Wasserkreislauf-System mit Grünkläranlage.

Auch bei Commod House in Graz verfolgt man den grünen und nachhaltigen Gedanken. Das Unternehmen bietet mitwachsende Häuser aus natürlichen und wiederverwertbaren Baustoffen an, die Menschen ansprechen sollen, die auf ökologisches Wohnen Wert legen. Angeboten werden auch Tiny Houses mit einem Grundriss von 24 Quadratmetern. 90 Prozent der Projekte stehen auf Schraubfundamenten, was bedeutet, dass nichts betoniert wird und die Fundamente jederzeit wieder entfernt werden können, wenn das Haus umzieht.

WOHN-WOHLFÜHLEN

Die Herausforderung, so Gründerin und Architektin Michaela Maresch: Je weniger Platz, desto geschickter müssen Grundriss und Räume angeordnet werden, um jeden Zentimeter der Häuschen, die ab 45.000 Euro zu haben sind, nutzen zu können. Sie verweist auf Studien, die belegen, dass in einer herkömmlichen Wohnung bis zu 75 Prozent der Flächen nur mäßig genutzt werden.

Gerade bei Tiny Houses gilt: Klein bedeutet nicht unbedingt billig. „Der geringe Platz soll bis zum letzten Quadratzentimeter ausgenutzt werden – und deshalb wird auch auf hochwertige und gesunde Materialien und individuell gestaltete Innenräume Wert gelegt. Die Qualität wird nicht über den Platz, sondern über die verwendeten Materialien erreicht, etwa indem wir auch in den Innenräumen viel mit Holz arbeiten. Das kann sehr zum Wohn-Wohlfühlen beitragen“, sagt Maresch.

VON STUDIERENDEN BIS ZU BEST AGERS

Doch wer sind die Menschen, die sich entschließen, entweder im Haupthaus oder im Zweitwohnsitz im Mini-Format Reduktion zu leben und die sich in Sachen Wohnen auf das Wesentliche konzentrieren möchten? „Unsere Kundinnen und Kunden kann man nicht in eine Schublade stecken, was Alter, Arbeitsumfeld oder Lebenssituation angeht“, sagt Christoph Heinemann von Wohnwagon. Der Student Anfang zwanzig, der möglichst früh seine eigene Immobilie besitzen möchte, ohne zu wissen, wo er später sesshaft werden wird, sei ebenso dabei wie „Pensionisten-Paare, die ihren Lebensabend genießen und sich nicht mehr um ein viel zu großes Haus kümmern möchten“.

Auch bei den KundInnen, die bei Commod House neuen Wohnraum entwerfen und bauen lassen, steht Reduktion im Vordergrund. Michaela Maresch berichtet, dass viele sich für ein Tiny House entscheiden, weil es für sie eine Erleichterung darstellt, weniger Platz zur Verfügung zu haben. „Es kommen viele, die derzeit in einem großen Haus oder einer großen Wohnung leben und sagen, dass sie das alles nicht mehr brauchen und sich befreien möchten. Sie stellen sich oft die Frage ,Was brauche ich?’ – und möchten sich mit einer Reduktion des Wohnraums ein Stück Freiheit erkaufen und mehr Geld und Zeit zum Leben und Reisen haben.“

ZUKUNFT DES WOHNENS

Die Mini-Haus-ExpertInnen sind überzeugt, dass der Trend zum kleinen Wohnen zunehmen wird und das Wohnen in Zukunft deutlich anders aussehen wird als heute. Christoph Heinemann prognostiziert, dass neue Formen dazukommen werden, die das Angebot ergänzen: „Tiny Houses beziehungsweise kleines Wohnen wird dabei eine zentrale Rolle spielen, nicht nur wegen der Kosten, sondern auch, weil es Sinn macht und Lebensfreude bringt Dinge in der Nachbarschaft zu teilen, neue Dorfstrukturen aufzubauen – und dabei die Umwelt weniger zu belasten.“

Ein Leben im Einklang mit der Natur steht bei Wohnwagon aus Niederösterreich im Vordergrund. Kochen, Arbeiten und Entspannen – im bis zu 30 Quadratmeter großen Wohnwagon.

Die Häuser von Commod House aus Graz sind mit natürlichen Baustoffen
errichtet und werden individuell geplant. Die KundInnen von Tiny Houses legen meist viel Wert auf hochwertige Materialien.

 

Diesen Artikel teilen:

Was zählt, sind die Menschen