Sparkassen Zeitung

Economy

Die neue Lust auf das Land

Ausgabe #1 März/2021 • LUST AUFS LAND
Stephan Scoppetta

AUFGRUND DER PANDEMIE HABEN VIELE MENSCHEN DIE VORZÜGE DES LANDLEBENS ENTDECKT, UND HOMEOFFICE SOWIE DIE NEUE ART ZU ARBEITEN MACHEN NUN VIELES MÖGLICH, WAS FRÜHER UNDENKBAR WAR. DIESER MEGATREND LANDLEBEN BRINGT ABER AUCH VIELE NEUE HERAUSFORDERUNGEN FÜR DIE LÄNDLICHE INFRASTRUKTUR.

Die Lockdowns der letzten Monate sind den Stadtmenschen in die Knochen gefahren. Alle Vorteile, die eine Stadt wie Wien, Graz, Linz oder Innsbruck bieten kann, gibt es nicht mehr. Restaurants, Theater, Kaffeehäuser und Fitnessstudios sind geschlossen. Nachts ist es selbst in Wien so still wie in Gramatneusiedl oder Mandarfen im hintersten Pitztal in Tirol. Doch die StädterInnen sind wie Legehühner in ihren kleinen Wohnungen eingesperrt und fliehen nun aufs Land. Digitalisierung und Homeoffice sind nämlich auch die neuen Angebote der Gemeinden und drehen den bisherigen Trend um: Die Landflucht wird zu Stadtflucht. Das Leben am Land wird zum Roseggerschen Idyll hochstilisiert.

WO ABSTANDHALTEN LEICHTER FÄLLT
Die Corona-Welle zeigte, wo die großen Probleme von Ballungszentren liegen. Muss man sich trotz Virus in Städten mit Menschenmengen in den U-Bahnen und Geschäften auseinandersetzen, so fällt in den Dörfern und kleinen Städten das soziale Abstandhalten leichter. Nachbarschaftshilfen, die sich in den großen Städten erst digital und per Telefon bilden müssen, sind auf dem Land Alltag. Der Zukunftsforscher Daniel Dettling meinte im Kommunalen Zukunftsbericht 2020 des Gemeindebundes: „Österreichs Kraft liegt in seiner Dezentralität. Drei Viertel der Österreicherinnen und Österreicher leben in den ländlichen Regionen. Auch die Mehrheit der Unternehmen ist nicht in den großen Städten und Ballungsgebieten zuhause. Während sich aber die großen Städte als Gewinner der Globalisierung sahen, fühlten sich die Einwohnerinnen und Einwohner in den ländlichen Regionen oft als die Verliererinnen und Verlierer des wirtschaftlichen Wandels. Bis Covid-19 kam. Seitdem hat sich auch das Verhältnis von Stadt und Land radikal verändert.“ Der Zukunftsforscher ist der Meinung, dass in den dezentralen Strukturen die Chance liege, die großen Städte zu entlasten. Zum Gewinner der Entwicklung werde die progressive Provinz, die beide Welten verbindet: die urbane, weltoffene und die lokale, verbundene Welt.

DAS INTERNET ALS TOR ZUR WELT
Die Basis für den Aufschwung am Land ist aber ein schnelles Internet. Aber noch immer mangelt es vielen ländlichen Regionen an einer schnellen Internetverbindung. Homeoffice und Unterricht daheim waren in der Corona-Zeit für viele auf dem Land nur schwer möglich. Doch bis 2025 soll sich diese Lücke schließen, darin sind sich alle EntscheidungsträgerInnen in diesem Land einig. Zwar sind Österreichs Betriebe gut digitalisiert, dennoch hat 2020 deutlich gemacht, dass es an vielen Stellen großen Handlungsbedarf gibt. Alfred Harl, Obmann des Fachverbands Unternehmensberatung, Buchhaltung und IT (UBIT) der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ): „Für Betriebe ist es wesentlich, alte, analoge Prozesse in neue, flexible und digitale Prozesse umzuwandeln. Die Zeit nach Corona ist die Zeit, schlanke und vor allem flexible und robuste Prozesse zu etablieren. Österreich muss diesen Digitalisierungsboost nutzen und die Businesschancen realisieren.“ Die ÖsterreicherInnen haben auch aufgerüstet: Smartphone-Verträge und besonders schnelle Festnetz-Internetverbindungen sind die Gewinner in der Corona-Pandemie. Zwischen April und Juni 2020 wurden laut RTR in Österreich 68.000 zusätzliche Smartphone-Verträge abgeschlossen. Dazu kommen 28.000 neue Verträge mit mobilen Datentarifen. Die Zahl der Breitband-Festnetzanschlüsse stieg hingegen nur um 13.000 Stück. Jeder sechste Festnetz-Breitbandanschluss (414.000) hat inzwischen über 100 Mbit/s Datendownload, alleine im zweiten Quartal gab es gegenüber dem Vorquartal einen Anstieg um 16 Prozent. Langsame Anschlüsse mit weniger als 10 Mbit/s machen hingegen nur mehr ein starkes Fünftel der Festnetz-Anschlüsse aus. Insgesamt gibt es in Österreich bereits 12,3 Millionen Breitbandanschlüsse, aber die meisten davon sind noch immer in den Ballungszentren oder deren Umgebung. Noch immer gibt es bei der Breitbandversorgung am Land große Lücken, wobei es keine offiziellen Zahlen dazu gibt. Über die weißen Flecken auf der Breitbandkarte spricht man nicht gerne.

HOMEOFFICE ALS CHANCE
Das Virus veränderte aber auch unsere Art zu arbeiten. Laut Statistik Austria waren im dritten Quartal 2020 beachtliche 700.900 Menschen im Homeoffice. Damit verrichteten 19,6 Prozent aller Erwerbstätigen Telearbeit. Die ExpertInnen sind sich einig: Homeoffice ist gekommen, um zu bleiben. Alfred Riedl, Präsident des Österreichischen Gemeindebundes: „Die neuen Homeoffice-Regelungen waren ein wichtiger Schritt, um dem Megatrend Landleben einen zusätzlichen Schub zu geben. Aber auch die Gemeinden sind gefordert hier zu handeln und zum Beispiel mit digitaler Infrastruktur oder auch Coworking-Spaces zu reagieren, die auch einen großen Beitrag zu einer dezentralen Arbeitsweise leisten könnten. Das wird nicht nur zu einer Verjüngung der Gemeinden führen, sondern das ist auch eine Chance, die Ortskerne wieder zu beleben.“

REGIONALE BANKEN ALS MOTOR
Ein wichtiger Motor für ein florierendes Leben am Land sind aber auch die Regionalbanken. Laut einer repräsentativen INTEGRAL-Umfrage im Auftrag des Österreichischen Sparkassenverbandes (ÖSPV) wünscht sich der Großteil der österreichischen Bevölkerung eine regionale Verankerung und regionale Verantwortung bei Banken: 76 Prozent halten es für wichtig, dass ihre Bank in der Region verankert ist, rund die Hälfte der ÖsterreicherInnen (49 Prozent) sehr. 72 Prozent legen darüber hinaus Wert auf regionale Aktivitäten wie beispielsweise die Unterstützung der Wirtschaft. „Als Regionalbank haben wir ein natürliches Interesse daran, dass sich eine Region gut entwickelt, denn dann entwickelt sich auch die Regionalbank gut“, erklärt Gerhard Fabisch, Präsident des Österreichischen Sparkassenverbandes. Neben den Rahmenbedingungen, die von der Politik geschaffen werden, können auch die Sparkassen ihren Beitrag leisten, indem sie Perspektiven und Finanzierungen anbieten, die regionale Infrastruktur fördern und aktiv vorantreiben, Arbeitsplätze sichern und sich auch stark im Gemeinwohlbereich engagieren.

DIE CORONA-GEWINNER
Nun gilt es die Chancen der ländlichen Region zu nutzen. Dettling: „Die Gewinner nach Corona sind künftig jene Regionen, Kleinstädte und Dörfer, die den Wandel offensiv angehen und optimistisch gestalten. Lebensqualität, Bildung und bürgerschaftliches Engagement sind die neuen Standortfaktoren.“ Doch das brauche auch landesweite Zukunftsstrategien, die das nahe und ferne Umland stärker einbeziehen und innovative Antworten auf den Wandel geben. Die Basis dafür ist eine Kooperation zwischen Stadt
und (Um-)Land auf Augenhöhe.

 

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