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Neue Wege gehen

Ausgabe #1 März/2021 • LUST AUFS LAND
Sandra Wobrazek

IM NÖRDLICHEN WEINVIERTEL ZÜCHTEN DANIELA WINTEREDER UND FRED ZEHETNER AUF IHRER BOA FARM RINDER, DIE UNTER BESTEN BEDINGUNGEN AUFWACHSEN. IM FOKUS IHRER ARBEIT: TIERWOHL, NACHHALTIGKEIT UND QUALITÄT.

Es war eine Reise ans andere Ende der Welt, die im Leben von Daniela Wintereder und Fred Zehetner alles verändern sollte. Der Fleischermeister und Landwirt unternahm im Jahr 2002 mit seinem Bruder eine sechswöchige Reise quer durch Australien, als eine ungewöhnliche Idee aufkam: „Dort habe ich gesehen“, erinnert sich der Oberösterreicher, „wie man in trockenen Gebieten sehr gut mit Mutterkühen arbeiten kann. Wir hatten daheim in Oberösterreich bereits, verteilt auf sechs Betriebe, Mutterkuhhaltung – und hatten schon lange den Traum, einen Betrieb zu führen, auf dem die Tiere es richtig schön haben und nicht hin und her geführt werden müssen. Als ich mit meinem Bruder am Strand gesessen bin und einen guten Rotwein getrunken habe, hat meine Frau angerufen und sich über die nicht wirklich idealen klimatischen Bedingungen in Oberösterreich beklagt.“

EIN TRAUM WIRD REALITÄT
In einer Rotweinlaune, wie er sagt, versprach Fred Zehetner seiner Frau, dass die nächsten Kälber in einem trockenen Gebiet mit idealer Vegetation zur Welt kommen würden. Zurück in der Heimat recherchierte er, wo man in Österreich eine geeignete Region finden könnte. „Doch wir haben nichts Passendes gefunden. Als wir schon aufhören wollten zu suchen, sind wir über Robert Harmer, einer der Bio-Pioniere Österreichs, auf einen Hof im nördlichen Weinviertel gestoßen. Mit Hilfe der Erste Bank in Laa, deren damalige Direktorin Birgit Kastner mit ihrer Beraterin Birgit Krickl und ihrem Berater Günther Wabra nicht in Zahlen gedacht, sondern an uns und unsere Idee geglaubt hat, konnten wir dann tatsächlich das Projekt starten.“

Kurz darauf hat das Paar seinen Traum wahr werden lassen: In Wildendürnbach nahe der tschechischen Grenze haben sie 2003 den Mitterhof gepachtet und 2006 schließlich gekauft. Auf der BOA (Best of Austria) Farm leben die Oberösterreicher mit ihren drei Söhnen und züchten auf mehr als 300 Hektar rund 600 Rinder der Rassen Galloway, kanadische Spezialisten für extreme Wetterbedingungen, und Aberdeen Angus sowie Schwäbisch-Hällische Landschweine, eine vom Aussterben bedrohte Hausschweinrasse. Die Arbeitsweise mit den Rindern hat das Ehepaar in Nordamerika kennengelernt: Im Sommer leben die Tiere von dem, was die üppigen Wiesen des Weinviertels zu bieten haben, im Winter werden sie mit Heu, Gras-Silagen und Stroh versorgt. „Diese Rinderrassen“, sagt Fred Zehetner, „sind das Synonym für absolut perfektes Rindfleisch. Aufgrund ihrer Genetik können sie das Gras besonders gut in Fleisch und Milch umwandeln. So brauchen wir weder Getreide noch Mais und Kraftfutter aus Übersee, um sie zu füttern.“

EIN PARADIES FÜR RINDER
Die ersten drei Jahre, erinnert sich Fred Zehetner, kämpften er und seine Frau vor allem mit den klimatischen Bedingungen in der neuen Heimat – von extremer Trockenheit über klirrende Kälte und starken Wind bis hin zu Hochwasser. „Es war, wie wenn man von einem Pferd wieder und wieder abgeworfen wird. Aber wir kommen aus Oberösterreich und da sagt man: Das war‘s? Mehr hast du nicht auf Lager?“ Nach drei Jahren schließlich kam der Durchbruch – und seither läuft es für die LandwirtInnen mehr als zufriedenstellend. Das Besondere an dem biologisch bewirtschafteten Hof, der unter anderem mit dem Bundestierschutzpreis ausgezeichnet wurde: Die Tiere leben das ganze Jahr über im Freien in extensiver Weide- und Muttertierhaltung, bei der die Kälber mindestens acht Monate lang bei ihren Müttern leben dürfen und von ihnen aufgezogen werden.

Jedem Tier stehen dabei rund 38 Quadratmeter Fläche zur Verfügung – ein großer Unterschied zu den von der EU vorgeschriebenen elf Quadratmetern. Und sollte ein Winter doch einmal zu frostig sein, gibt es ein eigens errichtetes „Kuh-Hotel“, in dem die Kühe, Stiere und Kälber Unterschlupf finden.

EIN RESPEKTVOLLER UMGANG
Bekannt sind die schwarzen Tiere nicht nur für ihre Robustheit und Friedfertigkeit, auch ihr besonders schmackhaftes, gut marmoriertes und zartes Fleisch ist bei Gourmets ebenso beliebt wie bei gehobenen Restaurants. Das Bio-Fleisch der BOA Farm wird bei 14-tägigen Ab-Hof-Tagen verkauft, wobei, das ist den BetreiberInnen wichtig, auch die Philosophie des Hofes vorgestellt und Fragen beantwortet werden, die die BesucherInnen, die aus ganz Österreich anreisen, haben. Außerdem kann man die Produkte in Filialen der Fleischerei Radatz und der Bäckerei Öfferl erstehen. Nicht nur bei der Haltung, auch bei der Schlachtung – die BOA-Rinder bekommen rund zehn Monate mehr Zeit bis zur Schlachtreife als konventionell aufgewachsene Tiere – ist den LandwirtInnen der Respekt den Tieren gegenüber wichtig. Fred Zehetner: „Unsere Tiere werden nicht quer durchs Land geführt. Sie sterben da, wo sie geboren und aufgewachsen sind und haben so keinerlei Stress. Das Problem ist, dass das oftmals propagierte Tierwohl in der Haltung die letzten fünf Minuten im Leben des Tieres ausklammert – aber genau das sind die entscheidenden Momente. Denn im ersten Moment, in dem ein Tier Stress verspürt, produziert es Adrenalin, das man im Fleisch nicht haben will.“

REGIONALITÄT IM TREND
Beim kompletten Betrieb setzt man auf der BOA Farm auf Nachhaltigkeit: Eine Erdwärmepumpe sorgt für die Beheizung der Gebäude und die Erzeugung von Warmwasser. Außerdem produziert eine 50-kWp-Photovoltaikanlage den Strom für den gesamten Hof – und die Abwässer von Hof, Schlachthof und Wohnhaus werden in einer eigenen Bio-Kläranlage gereinigt und aufbereitet.

Wolfgang Seltenhammer, Regionalleitung Kommerz Erste Bank im Weinviertel erklärt: „Es wird mehr Wert auf hochwertige Produkte gelegt. Bei den Rindern ist zum Beispiel die Frage, wo das Tier aufwächst und wo es geschlachtet wird, immer relevanter und spielt im Bewusstsein der Menschen eine immer größere Rolle.“ Er sagt, dass die junge LandwirtInnen-Generation dynamisch, innovativ und modern ist und in der Region etwas bewirken will. „Hinzu kommt, dass regionale Lebensmittel bei den Konsumentinnen und Konsumenten, nicht zuletzt im Zuge der Corona-Krise, eine größere Bedeutung bekommen haben.“ Daniela Wintereder und Fred Zehetner jedenfalls sehen das, was sie tun, weit mehr als Berufung denn als Beruf: „Es ist nicht unsere Arbeit – es ist unser Leben.“

Fred Zehetner: „Unsere Tiere haben keinerlei Stress – das macht sich in der Qualität
des Fleisches bemerkbar.“  Daniela Wintereder lebt mit ihrem Mann Fred und den drei Kindern seit 2003 auf dem Hof.

 

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