Sparkassen Zeitung

Economy

Werteverschiebung setzt neue Energien frei

Ausgabe #5 November/2021 • WERTEWANDEL
Stephan Scoppetta

DIE PANDEMIE WAR MEHR ALS EINE GESUNDHEITS- UND WIRTSCHAFTSKRISE. SIE FÜHRTE ZU EINEM BRUCH IM BESTEHENDEN DENKEN UND HAT EINE WERTEDISKUSSION HERBEIGEFÜHRT, DIE UNS DIE CHANCE GIBT, UNSERE ZUKUNFT NEU ZU DENKEN.

Das Covid-19-Virus war mit Sicherheit eine Plage, die unserer Gesellschaft in den vergangenen eineinhalb Jahren vieles abverlangt hat. Aber Corona hat auch einiges in Bewegung gebracht, das nicht nur schlecht ist: Die Krise hat unsere Art zu wirtschaften auf den Prüfstand gestellt und auch den Fokus auf die Umwelt gelenkt. Die Grenzen der Globalisierung wurden nun mit den Lieferengpässen offenbart, denn in ganz Europa fand sich kaum noch ein Unternehmen, das Impfstoffe oder Schutzmasken herstellen konnte. Auch das Dogma Wachstum um jeden Preis, auf Kosten der Umwelt und des Klimas, ist ins Wanken geraten.

NACHHALTIGKEIT WIRD ZUM WICHTIGEN PRODUKTMERKMAL

War vor wenigen Jahren Nachhaltigkeit ein nettes Add-on beim Kauf eines Produktes, so ist diese heute ein wesentliches Attribut, wenn es um die Entscheidung zwischen vergleichbaren Produkten und Marken geht. Das schlägt sich auch in den Zahlen nieder: Laut einer im August 2021 vom Handelsverband präsentierten Studie von MindTake Research war das Bewusstsein für einen nachhaltigen, möglichst regionalen Konsum noch nie so ausgeprägt wie heute. Beim Lebensmitteleinkauf achten bereits 90 Prozent, bei Elektrogeräten 67 Prozent und beim Thema Mode 61 Prozent der ÖsterreicherInnen auf den Faktor Nachhaltigkeit. Darüber hinaus ist für 92 Prozent der KonsumentInnen die Herkunft ein entscheidender Faktor. Viele Unternehmen nutzten die Lockdowns und reagierten auf diesen Trend mit der Entwicklung nachhaltigerer Zukunftskonzepte.

WIR SIND JUNG, WIR SIND LAUT, WEIL IHR UNS DIE ZUKUNFT KLAUT!

Die Trendwende kam von der Jugend. Teenager und junge Erwachsene distanzieren sich immer öfter vom elterlichen spaß- und wachstumsorientierten Lebensstil. Abgrenzung erfolgt dabei auch über Ernährungs-„Intoleranzen“ wie vegetarisch oder vegane Ernährungsweisen. Doch kanalisiert wurde der Frust der Jugend durch die Fridays-for-Future-Bewegung. Der Slogan „Wir sind jung, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!“ macht die älteren Generationen für den Zustand des Planeten verantwortlich und natürlich führt dies zu einem manchmal auch sehr emotional geführten Diskurs. Denn Veränderung ist unbequem und erzeugt Spannungen, die oftmals aber auch der Beginn für etwas Neues sind. Nicht zuletzt hat sich daraus auch eine neue Haltung zum Konsum entwickelt. Trends wie der Minimalismus, also eine Reduktion des Konsums, aber auch des Lebens auf das Wesentliche, greifen um sich. Heute steht bei vielen jungen Menschen nicht mehr der Besitz eines Gutes im Vordergrund, sondern eine Sharing-Economy greift um sich. Autos, Werkzeuge und Wohnungen werden geteilt. Produkte werden nicht mehr weggeworfen, sondern getauscht oder einem Upcycling unterzogen. Diese Trends haben nur bedingt die breite Masse erreicht, aber die Saat ist gesät und es sind besonders die uns nachfolgenden Generationen, die hier auf das Gaspedal drücken.

DAS KOLLEKTIV WAR ERFOLGREICH

Corona hat auch gezeigt, dass nicht einzelne Menschen die Welt retten können, sondern die Zusammenarbeit aller Menschen notwendig ist, um Großes zu bewegen. Selbst in den kühnsten Träumen hätten sich WissenschaftlerInnen im März 2020 nicht ausgemalt, dass sich ein Impfstoff gegen das Virus in wenigen Monaten entwickeln lässt. Doch unglaubliche Mittel und die Zusammenarbeit vieler Forscher-Innen rund um den Globus haben es möglich gemacht, dass bereits im Herbst 2020 die ersten Impfstoffe zugelassen wurden. Also eine konzertierte Anstrengung aller Menschen hat zu einer ersten Lösung des Problems geführt. Die Hoffnung ist nun groß, dass das der Menschheit bei der größten Herausforderung, dem Klimawandel, ebenfalls gelingen wird.

PERSÖNLICHE FREIHEIT WENIGER WICHTIG

Laut einer neuen Studie in Zusammenarbeit mit dem IFES – Institut für empirische Sozialforschung und Pick & Barth, Wiener Agentur für Kampagnen, Strategien und digitale Kommunikation, geben 17 Prozent der Österreicher-Innen an, (eher) keinen Einfluss darauf zu haben, was mit ihnen geschieht – 2018 empfanden dies nur zehn Prozent. Während persönliche Freiheit 2019 noch für 63 Prozent der Befragten „äußerst wichtig“ war, sind es jetzt nur mehr 53 Prozent. Dieser Wert bleibt dennoch auf Platz zwei der wichtigsten Werte, nur noch wichtiger ist den Österreicher-Innen ein respektvoller Umgang miteinander (für sechs von zehn äußerst wichtig). Ein Auftrag für die Zukunft, hier die Gräben, die durch Corona aufgerissen wurden, zuzuschütten und den Respekt im Umgang miteinander wieder einkehren zu lassen.

Zeichnung: Dina Gerersdorfer

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