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Economy

"Kinder werden mit Falschinformationen fürmlich zugeschüttet"

Ausgabe # Juli/2022 • FINANZIELLE GESUNDHEIT
Stephan Scoppetta

REGINA KRIMMEL-MAIRINGER, DIREKTORIN DER MITTELSCHULE KO50, UND MATTHIAS REISINGER, VORSTANDSMITGLIED STIFTUNG FÜR WIRTSCHAFTSBILDUNG, SPRECHEN IM INTERVIEW ÜBER DIE CHANCEN DES PROJEKTS WIRTSCHAFTSBILDUNG FÜR KINDER.

Im September 2022 startet an 30 österreichischen Schulen das Pilotprojekt Wirtschaftsbildung mit dem Ziel, Kindern Themen wie Geld und Wirtschaft nahezubringen. Frau Krimmel-Mairinger, sehen Sie bei den Schüler:innen wirklich Bedarf an Finanz- und Wirtschaftsbildung?

Regina Krimmel-Mairinger: Auf jeden Fall, denn ab dem zehnten Lebensjahr zeigen Kinder Interesse und fragen, was sie einmal arbeiten könnten und was dabei zu verdienen ist. Meist kommt das mit dem ersten Taschengeld. Hinzu kommt, dass wir an der Mittelschule viele Kinder mit Migrationshintergrund haben, die ihre Eltern in vielen Bereichen des täglichen Lebens unterstützen, auch bei Bankgeschäften. Deshalb ist es wichtig, dass Kinder eine entsprechende Bildung erhalten.

Matthias Reisinger: Es gibt auch zahlreiche Statistiken, die den Bedarf an Wirtschafts- und auch im Speziellen an Finanzbildung unterstreichen. Schon vor der Coronakrise waren über 600.000 Österreicher:innen überschuldet oder zahlungsunfähig. Der Wegfall des Einkommens ist natürlich die primäre Ursache, aber bereits der zweithäufigste Grund ist das mangelhafte Wissen im Umgang mit Geld. Jede vierte Person, die zur Schuldnerberatung geht, ist unter 30 und hat im Schnitt 30.000 Euro Schulden. Das liegt meist daran, dass sich junge Menschen finanziell oft übernehmen. Das sind dramatische und alarmierende Zahlen, hier muss man dringend dagegen arbeiten.

War die wirtschaftliche Wissensvermittlung nicht schon immer Teil des Unterrichts?

Krimmel-Mairinger: Ja, das ist Teil des Unterrichts in verschiedenen Fächern, in Geografie und Wirtschaftskunde wird den Schüler:innen die Wirtschaft Österreichs und auch anderer Länder nähergebracht. Doch das hat wenig mit der tatsächlichen wirtschaftlichen Lebenssituation der Kinder zu tun. Für sie sind diese Inhalte zu abstrakt. In Mathematik lernen sie das Prozentrechnen, da können die Jugendlichen viel leichter den Realitätsbezug erkennen. Ich glaube, die Aufgabe besteht darin, den Kindern zu zeigen, dass sie Teil der Wirtschaft sind und je besser sie sich damit auskennen, umso fitter sind sie für die Zukunft

Wenn Wirtschaft unser Leben bestimmt, warum ist das Thema an der Schule nicht schon immer Teil des Lehrstoffs gewesen?

Krimmel-Mairinger: Noch vor wenigen Jahrzehnten hat das Angebot sicher gereicht, aber in der Zwischenzeit hat sich durch die Globalisierung und auch Digitalisierung das Leben deutlich beschleunigt. Darauf müssen wir reagieren. Sich mit finanziellen Gebarungen auszukennen ist heute wichtiger denn je. Das Smartphone wird immer wichtiger und auch Jugendliche nutzen das Smartphone zum Bezahlen. Sie kaufen gerne Apps und auch Musik. Natürlich ist das alles sehr praktisch, aber es birgt auch zahlreiche Gefahren, gerade für junge Menschen.,

Gibt es noch andere Gründe, warum Kinder für dieses Thema fit gemacht werden müssen?

Reisinger: Weil die jungen Menschen es so fordern. Wir haben über 1.100 Jugendliche in einer Studie befragt, ob sie sich gut für das Leben nach der Schule vorbereitet fühlen, und rund die Hälfte verneint das. Danach befragt, in welchen Bereichen sie mehr Know-how vermittelt bekommen möchten, geben sie Sozialkompetenzen wie Kooperation, Kommunikation und Selbstreflexion an. Gleichzeitig zeigen sie auch Interesse an Dingen wie dem Umgang mit Geld, wie man einen spannenden Beruf findet und wie Arbeitsverträge auszusehen haben. Interessant war zudem, dass sich Schüler:innen auch für das Thema Steuern interessieren und mehr darüber wissen wollen. Aus unserer Sicht ist es wichtig, dass gerade junge Menschen lernen, warum Steuern bezahlt werden und wie dieses Geld verwendet wird.

Sind die Kinder an Ihrer Schule auch daran interessiert?

Krimmel-Mairinger: Wir haben kürzlich eine Taschengeldstudie in der 7. und 8. Schulstufe durchgeführt. Da ging es unter anderem darum, was man mit dem Taschengeld machen kann, also wie man es ausgeben oder anlegen kann. Obwohl die Teilnahme freiwillig war, haben 100 Prozent der Schüler:innen mit großem Interesse mitgemacht. Das unterstreicht, wie groß das Interesse der Schüler:innen am Thema Geld ist.

Welche Themen sind Kindern an Ihrer Schule besonders wichtig?

Krimmel-Mairinger: Das Thema „sichere Zukunft“ ist gerade in den letzten Jahren sehr wichtig geworden. Viele Jugendliche wollen, noch bevor sie unsere Schule verlassen, wissen, wie sie sicher ins Wirtschaftsleben starten können und so ihre Zukunft auf eine gute Basis stellen.

Spielt beim Pilotprojekt Wirtschaftsbildung auch das Thema Nachhaltigkeit eine Rolle?

Reisinger: Natürlich, gerade junge Menschen sind an diesem Thema sehr interessiert. Mit der Wirtschaftsbildung können wir ihnen vermitteln, wie Wirtschaft funktioniert und dass sie auch ein wichtiger Teil davon sind und dass sie durch ihre unterschiedlichen Rollen, wie etwa Konsument: in, Arbeitnehmer:in, Wähler:in, auch aktiv mitgestalten können.

Sind Kryptoassets für die Schüler:innen auch ein Thema?

Krimmel-Mairinger: Diese üben einen großen Reiz auf junge Menschen aus. Denn viele haben den Traum vom schnellen Geld. Gepaart mit einem fehlenden Realitätsbezug ist das natürlich gefährlich. Hier ist es mir als Schulleiterin sehr wichtig, dass wir die Kinder und Jugendlichen lehren, Botschaften zu hinterfragen und nur seriösen Quellen zu vertrauen.

Reisinger: Das Problem ist, dass Kinder und Jugendliche gerade im Internet und auf verschiedenen Social-Media- Plattformen wie TikTok, Snapchat oder Youtube mit Falschinformationen förmlich zugeschüttet werden. Unseriöse Expert:innen versprechen dort das große Geld mit Kryptowährungen und leider werden gerade Jugendliche und junge Erwachsene oft Opfer dieser falschen Versprechen. Erstaunlich dabei ist, dass hier selbst gut ausgebildete Menschen solchen Anlagebetrüger:innen mit ihren hohen Renditeversprechen auf den Leim gehen und das Risiko dabei völlig unberücksichtigt lassen.

Glauben Sie, dass Wirtschaftsbildung auch für die Eltern der Schüler:innen interessant ist?

Krimmel-Mairinger: Hier besteht sicher großes Interesse bei den Eltern und ich bin davon überzeugt, dass viele Eltern beim Thema Geld und Wirtschaft zu einem Elternabend kommen würden. Zahlreiche Studien belegen, dass auch bei den erwachsenen Österreicher:innen große Lücken beim Thema Finanzwissen bestehen und viele lernen nun mit ihrem Nachwuchs mit. Das ist nicht peinlich, kostet keine zusätzliche Zeit und bringt fundiertes und gleichzeitig einfach aufbereitetes Finanz- und Wirtschaftswissen aus erster Hand.

Welche Schritte folgen nun beim Pilotprojekt der Stiftung für Wirtschaftsbildung?

Reisinger: Im September 2022 starten wir gemeinsam mit 30 Schulen das Pilotprojekt, bei dem wir für vier Jahre Schüler:innen der 1. bis 4. Schulstufe (10-bis-14-Jährige) eine inhaltliche, didaktische und lebensnahe Wirtschaftsbildung vermitteln werden. Dazu stehen zwei Varianten zur Auswahl. Eine Variante sind fächerübergreifende Projektwochen, die andere ist ein eigenes Unterrichtsfach. Die Schulen kommen aus ganz Österreich und bekommen von uns Unterstützungen in Form von Lern- und Lehrmitteln, Lehrkraftfortbildung und einer Vernetzung mit der Wirtschaft. Zudem gibt es eine monetäre Förderung in der Höhe von 5.000 Euro pro Jahr und Schule, die die Schulen nach eigenem Ermessen projektspezifisch einsetzen können.

Besteht durch die Finanzierung der Stiftung durch die Privatwirtschaft nicht die Gefahr einer versteckten Beeinflussung der Kinder und Jugendlichen durch die Unternehmen?

Reisinger: Die Stiftung wird durch sieben Gründungsmitglieder finanziert. Dazu zählen die Arbeiterkammer, die Wirtschaftskammer, die Industriellenvereinigung, die Oesterreichische Nationalbank, die ERSTE Stiftung, die Innovationsstiftung für Bildung und die MEGA Bildungsstiftung. Damit haben wir eine enorme Breite unterschiedlicher Standpunkte, sodass jedes Thema aus unterschiedlichsten Perspektiven betrachtet werden kann und muss. Wir wollen jungen Menschen vermitteln, dass es kein richtig oder falsch gibt, sondern dass die Themen aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden müssen, um sich letztendlich eine Meinung bilden zu können. Durch den Perspektiven-Wechsel lernen sie, die Standpunkte anderer Parteien nachzuvollziehen. Aber dabei folgen wir immer unserem obersten Gebot: Wirtschaftsbildung darf nicht ideologisch einseitig sein und darf keine versteckte Werbung enthalten.

Wer erstellt die Unterrichtsmaterialien für die Wirtschaftsbildung?

Reisinger: In einem ersten Schritt hat die Stiftung für Wirtschaftsbildung Unterrichtsmaterialien ausgearbeitet. Aber das Ziel ist natürlich diese gemeinsam mit den Schulen weiterzuentwickeln. Zum Beispiel bietet die Stiftung den Schüler:innen eine Lernsoftware. Mit dieser werden Lernstrecken erstellt, zum Beispiel ein Lernvideo, ein kleines Quiz oder etwas zum Ausfüllen. Das Programm ist interaktiv, sodass junge Menschen in ihrem eigenen Tempo damit lernen können. Die ersten Lernstrecken erstellen wir. In weiterer Folge haben dann die Lehrkräfte die Möglichkeit, ebenfalls Lehrstrecken zu erstellen und untereinander zu teilen, was wiederum die Vernetzung zusätzlich stärkt.

Der Lehrplan ist ja sehr straff. Wie lässt sich hier Wirtschaftsbildung zusätzlich integrieren?

Krimmel-Mairinger: Auch wenn das Schulwesen insgesamt strengen Regelungen unterliegt, gibt es innerhalb unseres Unterrichts Spielräume, die wir hier nutzen können. Meist merken sich die Schüler:innen aber jene Inhalte besonders gut, bei denen die Lehrenden mit viel Enthusiasmus die Schüler:innen mitreißen. Das Pilotprojekt hat das Potenzial dazu. Die Inhalte sind schülergerecht aufbereitet und auch die Zusammenarbeit mit der Stiftung für Wirtschaftsbildung klappt ausgezeichnet. Das Feedback bisher ist wirklich sehr gut.

Wie lange dauert die Pilotphase und wann ist damit zu rechnen, dass Wirtschaftsbildung Teil des Regelunterrichts wird?

Reisinger: Die ersten Piloten starten noch im Herbst 2022. Bis Dezember können sich weitere Schulen bei der Stiftung melden, um dann in der zweiten Gruppe im Herbst 2023 zu starten. Die Pilotphase läuft jeweils vier Jahre. Das gesamte Projekt wird auch wissenschaftlich begleitet und es werden dabei Daten erhoben, die wir den zuständigen Entscheidungsträger: innen im Anschluss präsentieren wollen, um eine lebensnahe Wirtschaftsbildung für alle österreichischen Schulen auszurollen.

Krimmel-Mairinger: Wenn man im Schulsystem Veränderungen bewirken will, muss man sehr viel Geduld haben und längere Zeithorizonte einkalkulieren, dennoch ist es möglich und wichtig und eine wunderbare Aufgabe.

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