Sparkassen Zeitung

Land und Märkte

Den Frauen die Scheu vor dem Wertpapier nehmen

Ausgabe #1/2020 • Female Edition
Milan Frühbauer

IN ZEITEN DER NULLZINS-PHASE IST DAS WERTPAPIER FÜR LÄNGERFRISTIG ORIENTIERTE SPARERINNEN ALTERNATIVLOS. DOCH DIE DAMEN SIND NOCH VIEL ZU ZURÜCKHALTEND. DESHALB SOLL DIE WERTPAPIERAFFINITÄT BEI ANLEGERINNEN STEIGEN. DIE ERSTE BANK OESTERREICH HAT DAS THEMA UMFASSEND UNTERSUCHT UND KAM ZU INTERESSANTEN ERGEBNISSEN: WIR SPRACHEN DARÜBER MIT DER PROJEKTVERANTWORTLICHEN BEI DER ERSTE GROUP, MONIKA STERNATHOVA.

Seit wann gibt es konkrete Bemühungen, die Frauen stärker an das Wertpapier im Rahmen der Österreichischen Sparkassen heranzuführen?

Monika Sternathova: 2011 haben wir in der Erste Bank Oesterreich begonnen, uns mit Frauenkarrieren zu beschäftigen. Im Filialvertrieb hatten wir damals eine starke weibliche Basis, die jedoch sowohl auf dem Weg in die Führung als auch in der Fachkarriere stark abnahm. Die verbreitet angenommenen Begründungen dafür, wie „Frauen sind an Karriere weniger interessiert“ oder „Männer werden bei der Beförderung bevorzugt“, wollten wir näher durchleuchten und beschlossen, eine umfassende Studie zur Karriereentwicklung in der EBOe durchführen zu lassen. Eine der Erkenntnisse war, dass Frauen im Bereich Veranlagung schlechtere Ergebnisse erzielten, was eine Karriere in Richtung höherer Kundensegmente schwieriger macht. Das war der Anlass, hier aktiv zu werden.

Welche Aktivitäten sind in diese Richtung bisher gesetzt worden?

Sternathova: Bereits 2012 haben wir das erste Wertpapier- Seminar für Frauen pilotiert. Das Konzept beruht auf drei Säulen. Erstens: Erkenntnisse der Gehirnforschung machen deutlich, dass Frauen und Männer unterschiedliche Lernstile haben. Zweitens: Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass Frauen ihre Leistungen und Kompetenzen tendenziell weit unterschätzen und sich in gemischten Gruppen sehr zurücknehmen. Drittens: Frauen suchen ihre Vorbilder in unmittelbarer Nähe. Deshalb haben wir erfolgreiche Beraterinnen zu Trainerinnen ausgebildet, das Lernkonzept praxisnah und leichter verständlich gestaltet und den Ausbildungslehrgang für das Thema Veranlagung nach Geschlechtern geteilt.

Inzwischen trainieren wir alle Wertpapier-Seminare gemäß Geschlechtern getrennt und erhalten ungebrochen positive Feedbacks zu diesem Zugang. Auch die Evaluierung 2018 hat gezeigt, dass wir den richtigen Weg gehen: Jede zweite Frau aus diesen Seminaren gehörte zu den Top-100 Beraterinnen in der Erste Bank Oesterreich.

Ist es richtig, dass die Wertpapierberatung für Frauen mittlerweile überwiegend von Frauen übernommen worden ist?

Sternathova: 60 Prozent unserer Berater und Beraterinnen sind Frauen, insofern trifft Ihre Einschätzung zu.

Gibt es signifikante Unterschiede im Problemzutritt zu Wertpapieren beziehungsweise zur verstärkten Veranlagung in Wertpapieren, also dem klassischen Wertpapiersparen, zwischen Männern und Frauen?

Sternathova: Viele Studien belegen, dass sich Frauen und Männer beim Thema Veranlagung unterschiedlich verhalten. Männer setzen deutlich stärker als Frauen auf Wertpapiere. Frauen hingegen agieren deutlich sicherheitsorientierter und kaufen nur jene Produkte, die sie in allen Details verstehen.

Sehen Sie geschlechterspezifische Unterschiede in der Risikobereitschaft?

Sternathova: Männer tendieren zu einer höheren Risikobereitschaft. Dadurch entwickeln sich die „Männerdepots“ deutlich volatiler als die Portfolios der Frauen: In guten Börsenzeiten erzielen die Männer überproportional hohe Gewinne, während sie in schlechteren Zeiten überproportional verlieren. Im Vergleich ist die Entwicklung der „Frauendepots“ ausgeglichener.

Wie viele Frauen sind in Österreich im Bereich der Sparkassen mittlerweile von den Wertpapieraktivitäten für Frauen erfasst worden?

Sternathova: Allein in der Erste Bank Oesterreich sind es mittlerweile rund 200.

Wird es durch Ihre Aktivitäten gelingen, den Wertpapierhandel im Kapitalanlagevermögen der Frauen deutlich zu steigern?

Sternathova: Die Wertpapier-Seminare für Frauen waren für uns der erste Schritt, unsere Beraterinnen für Veranlagungsgespräche zu stärken. Im nächsten Schritt möchten wir mehr Kundinnen zum eigenverantwortlichen Anlegen inspirieren, anstatt viel Geld auf aktuell niedrig verzinsten Tagesgeldkonten aufzubewahren. Das sichert ihre finanzielle Unabhängigkeit und ist die beste Altersvorsorge. Dazu initiieren wir gerade das Projekt „Marie“ mit Schwerpunkt auf finanzielle Bildung und Beratung unter Berücksichtigung aller Lebensphasen speziell bei Frauen.

Wie beurteilen Sie das aktuelle Veranlagungsverhalten von Frauen im Licht der praktischen Null-Zins-Politik und der ja sehr geringen Aussichten auf eine Änderung des Zinsniveaus?

Sternathova: Es ist nicht nur das Zinsniveau. Auch Fakten wie die Scheidungsrate von 41 Prozent, die Teilzeitquote von 50 Prozent, der Pensionsunterschied von 42 Prozent sowie ihre höhere durchschnittliche Lebenserwartung müssten Frauen zum Umdenken sensibilisieren. Schließlich droht bei nicht rechtzeitiger Aktivität die vereinzelte Altersarmut bei Frauen. Es ist somit für jede wichtig, sich mit finanzieller Bildung zu beschäftigen, um eigenen Wohlstand zu schaffen, zu halten und weiter auszubauen.

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