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Economy

Familie – Nicht immer einfach, aber wichtig

Ausgabe #6 Dezember/2020 • FAMILIE
Stephan Scoppetta

DAS ZUSAMMENLEBEN IN FAMILIEN IST SEIT JAHRZEHNTEN EINEM WANDEL UNTERWORFEN. MEHRMALS WURDE SIE ZUM AUSLAUFMODELL ERKLÄRT. DOCH JETZT IST FAMILIE WIEDER GEFRAGT. EINFACHER IST SIE NICHT GEWORDEN, DAFÜR ABER BUNTER.

Heute ist der Begriff der Familie mit der Vorstellung einer Liebesbeziehung zwischen gleichwertigen Partnern verbunden. Das war nicht immer so. Die Familie war bis Mitte des 19. Jahrhunderts von wirtschaftlichen Interessen und den Nöten des Überlebens geprägt. Gefühle als Motiv für eine Eheschließung hatten keinen Platz. Hinweise dafür finden sich im Wort Familie, das aus dem Lateinischen entspringt. Abgeleitet von „famulus“ (der Haussklave), bezeichnete der Begriff den Besitzstand eines Mannes, des „pater familias“. Zu seinem Besitz gehörten Weib und Kinder, aber auch dasVieh am Hof und die SklavInnen.

Das traditionelle europäische Familienbild ist, wie die Liebesheirat, eine romantische Erfindung des Bürgertums des 19. Jahrhunderts. Sie bildete sich als ein klassisches Modell heraus, in dem mit der fortschreitenden Industrialisierung Kinder nicht mehr als Arbeitskräfte herangezogen wurden. Mehr und mehr entwickelte sich ein Muster mit der uns bekannten traditionellen Rollenverteilung. Der Vater war Ernährer der Familie und für alle wichtigen Entscheidungen zuständig. Die Ehefrau, die keiner Berufstätigkeit nachging, kümmerte sich um den innerfamiliären Bereich. Dazu gehörten das gemütliche Heim und die Erziehung der Kinder.

DAS MODELL FAMILIE IST NICHT AUSGESTORBEN

In den vergangenen Jahrzehnten versuchten zahlreiche politische Strömungen die Kernfamilie zum Auslaufmodell zu machen. Gelungen ist das bis heute nicht. Das Gegenteil  ist der Fall, denn die Zahl der Familien in Österreich steigt. Laut Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung der Statistik Austria leben in Österreich insgesamt 2.449.000 Familien, darunter 1.747.000 Ehepaare und 403.000 Lebensgemeinschaften sowie rund 257.000 Mütter und 42.000 Väter in Ein-Eltern-Familien. Von 1985 bis 2019 nahm die Zahl der Familien in Österreich um beachtliche 19,4 Prozent von 2.052.000 auf 2.449.000 zu. Die absolute Zahl der Ehepaare veränderte sich dabei trotz eines kurzen Anstiegs um die Jahrtausendwende nur leicht. Zuwächse gab es beiden nichtehelichen Lebensgemeinschaften. Waren es im Jahr 1985 nur rund 73.000 Paare (4,1 Prozent), die ohne Trauschein in einem gemeinsamen Haushalt zusammenlebten, so ist es heute fast jedes sechste Paar (18,8 Prozent; 403.000). Ehepaare mit Kindern stellen nach wie vor die häufigste Familienform dar, nichttraditionelle Familienformen gewinnen jedoch immer mehr an Bedeutung. Die Familie als solche hat sich also nicht überlebt, allerdings sind ihre Erscheinungsformen vielfältiger geworden. Familie kann heute der Einpersonenhaushalt, die Wohngemeinschaft, die kinderlose Ehe, die Fernbeziehung, eine polyamore oder eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft sein.

INDIVIDUALISIERUNG ALS MOTOR

Der Grund für die mannigfaltigen Erscheinungsformen der Familie ist nicht zuletzt, Individualisierung der BürgerInnen moderner Gesellschaften zu finden. Seit den späten sechziger Jahren bieten sich bei der Lebensgestaltung die unterschiedlichsten Auswahl- und Entscheidungsmöglichkeiten, die das System Familie in turbulentes Fahrwasser brachten. Der Soziologe Ulrich Beck beschrieb Mitte der achtziger Jahre in seinem Buch Risikogesellschaft, wie mit den Individualisierungsschüben alle bisherigen Leitbilder ihre Gültigkeit verloren. Die Zentrifugalkräfte der Moderne katapultierten den Menschen aus einem festgefügten und engen Lebenskorsett in die unendliche und verheißungsvolle Vielfältigkeit. Die Einführung der Pille Anfang der Sechziger erlaubte Frauen und Ehepaaren eine bewusste Entscheidung für oder gegen Kinder. Die Emanzipationsbewegung der Frauen mit ihrem Wunsch nach Teilhabe am gesellschaftlichen und beruflichen Leben bot ihnen fortan mehr Möglichkeiten. Zugleich litten sie unter den Zwängen und Komplikationen, die sich daraus ergaben. Auch die Bildungsexpansion und damit einhergehende lange Ausbildungszeiten waren nicht unwesentlich beteiligt. Das hatte zur Folge, dass sich die Jugend verlängerte und der Eintritt in die Phase der Verantwortlichkeit auf einen späteren Zeitpunkt verlegt wurde. Außerdem war die lückenlose Erwerbsbiografie bis zum Eintritt in die Rente nicht mehr der Normalfall. Das hatte nicht nur mit Risiken wie Arbeitslosigkeit zu tun, sondern auch mit dem selbstbestimmten Wechsel zu verschiedenen ArbeitergeberInnen.

FAMILIE IST RAUM FÜR GEBORGENHEIT

Schwierige Rahmenbedingungen lassen Menschen aber auch zusammenrücken. Schließlich ist die Familie der soziale Raum, in dem sich alle Kinder wie Erwachsene orientieren und entwickeln können und wo jedes Mitglied Geborgenheit, Vertrauen, Nähe und Intimität erfährt. Neben der materiellen Fürsorge der Eltern spielt für die Kinder die Vermittlung von Werten eine wichtige Rolle. Für Kinder ist die Familie elementar, um soziale Kompetenzen zu entwickeln und Handlungspotenzial zu erwerben, welches sie zur Teilnahme am gesellschaftlichen Leben befähigt. Trotzdem darf dieses Bild nicht darüber hinwegtäuschen, dass wegen des demografischen Wandels immer mehr Menschen in Singlehaushalten leben und ohne familiäre Bindungen durch den Alltag navigieren. Sie suchen sich deshalb häufig eine Ersatzfamilie, in der sie Anerkennung finden. Das kann ein Verein, eine politische Gruppierung, eine religiöseoder spirituelle Gemeinschaft sein.

FAMILIE ALS BESCHRÄNKUNG

Das Streben nach Glück und Individualität kollidiert nicht selten mit der lebenslangen Verantwortung, die Familie mit sich bringt und die als Beschränkung der persönlichen Freiheit wahrgenommen wird. Wie sehr die Menschen mit diesem Dilemma zu kämpfen haben, lässt sich an den hohen Scheidungsraten ablesen. Mittlerweile enden rund 40 Prozent der Ehen in Österreich vor Gericht. Auch äußere Faktoren wie Existenzsorgen und Arbeitslosigkeit könnendas Gelingen einer Familie bedrohen. Kinder sind nachweislich ein Armutsrisiko. Auch die mittlerweile von vielen ArbeitgeberInnen vorausgesetzte Bereitschaft zu grenzenloser Mobilität lässt viele Menschen ratlos zurück. Denn wo Partner und Kinder sind, ist es eben nicht einfach, alle Jahre umzuziehen und Schule und Freunde hinter sich zu lassen. Trotz aller Schwierigkeiten, die Familien mit sich bringen, haben die Lockdowns in diesem Jahr den Wert der Familie wieder steigen lassen. Schon nach dem ersten Lockdown zeigte eine repräsentative Umfrage der Marktforschung des Observer im Auftrag des ORF ein klares Bekenntnis zur Familie: Fast zwei Drittel der 1.000 Befragten sehnten sich während des ersten Lockdowns danach, Familie und Freunde wiederzusehen.

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Was zählt, sind die Menschen