Sparkassen Zeitung

Economy

Der entscheidende Faktor bei jeder Familie ist nicht die Form, sondern die Belastbarkeit

Ausgabe #6 Dezember/2020 • FAMILIE
Stephan Scoppetta

Wie sehr belastet die Corona-Pandemie die Familie?

Martina Leibovici-Mühlberger: Mittlerweile zunehmend mehr. Wenn man den ersten und den zweiten Lockdown vergleicht, zeigen sich mittlerweile deutliche Unterschiede. War im ersten Lockdown so etwas wie eine gemeinschaftliche Durchhalte- und Aufbruchsstimmung zu spüren, wo man noch für die „Helden des Alltags“ klatschte, so hat sich das nun deutlich geändert. Mittlerweile stellt sich bei vielen Menschen ein gewisser Widerwille ein und sie sind mittlerweile ermüdet.

Trifft es Familien mit Kindern nicht besonders hart?

Leibovici-Mühlberger: Ja, denn Familien haben eine sehr spezifische Situation. Wir haben heute dank der gesellschaftlichen Veränderungen, aber auch aufgrund der gestiegenen Lebenshaltungskosten zwei berufstätige Elternteile. Das stellt diese nun aber vor große Probleme: Die Schulen und Kindergärten haben ihre Betreuung deutlich reduziert und die Eltern müssen nun neben dem Job auch noch die Kinder betreuen und das Homeschooling übernehmen. Hinzu kommen Zukunftssorgen. Die aktuelle Lebensrealität ist derzeit besonders für Familien sehr belastend.

Väter und Mütter arbeiten nun am Anschlag, aber wie sehr trifft das auch die Kinder?

Leibovici-Mühlberger: Die Kinder trifft die aktuelle Situation in ihren Grundfesten. Denn die Kindheit ist die Phase, in der wir sozialisiert werden, sprich, in der uns die Spielregeln des Seins und die Spielregeln des sozialen Verhaltens beigebracht werden. Wenn ein Kind heute vier Jahre alt ist, dann hat die nun fast ein Jahr währende Krise mit Lockdowns fast ein Viertel seines Lebens angedauert. Ein Viertel eingeschränkte soziale Kontakte, Hygienemaßnahmen und niemanden berühren, hinterlässt Spuren und beängstigt. Das wird auch noch nicht abschätzbare Folgen in unserer Gesellschaft haben.

Ängste und Bildungslücken – viele sprechen heute schon von einer verlorenen Generation. Ist das nicht etwas übertrieben?

Leibovici-Mühlberger: Wir werden sehen, welche Langzeitfolgen die aktuelle Situation haben wird. Bereits sehr deutlich zu sehen ist, dass die Bildungsschere aufgeht.
Homeschooling via Internet ist ein Experiment, bei dem wir noch nicht wissen, welche Folgen das haben wird. Auf der einen Seite ist es großartig, was heute schon alles technisch möglich ist, aber ob Distancelearning wirklich funktioniert, gilt es in den nächsten Jahren zu evaluieren. Die Kollateralschäden dieses Experiments gibt es bereits und die müssen in den nächsten Jahren aufgefangen werden, um eine teilweise verlorene Generation zu verhindern.

Sind nicht auch soziale Mankos bei Kindern und Jugendlichen durch diese Zeit zu befürchten?

Leibovici-Mühlberger: Kinder brauchen Kinder und Jugendliche brauchen Jugendliche. Gerade bei Teenagern auf der Startrampe zum Erwachsenenalter spielen die sozialen Kontakte eine große Rolle. Sie müssen lernen sich in der Gesellschaft alleine zu bewegen und das geht nicht von heute auf morgen. Dieses Training bekommen sie bei den Gleichaltrigen, wo Jugendliche den Social Code of Conduct lernen, den sie ein paar Jahre später als Erwachsene beherrschen müssen. Wenn es so weiterläuft wie bisher, werden wir grobe soziale Defizite in der nächsten unmittelbaren Erwachsenengeneration erleben. Zudem macht der Trend zur gesellschaftlichen Polarisierung Sorgen.

Martina Leibovici-Mühlberger
__________________________________________________________

„DIE MAXIMALE FREIHEIT HAT VIELFACH ZU EINER MAXIMALEN ORIENTIERUNGSLOSIGKEIT
GEFÜHRT, DENN IN DER MAXIMALEN WAHLFREIHEIT STECKT AUCH DIE MAXIMALE WAHLVERANTWORTUNG.“

Martina Leibovici-Mühlberger,
Ärztin und Psychotherapeutin

__________________________________________________________

 

Sie sprechen hier den Generationenkonflikt an?

Leibovici-Mühlberger: Es wird mittlerweile nach Schuldigen für die Pandemie gesucht. Die Jungen oder auch die Coronaleugner wurden bereits als Schuldige für steigende Fallzahlen gebrandmarkt. Das Thema Polarisierung steckt mittlerweile sehr tief in unserer Gesellschaft drin und dürfte noch deutlich weiter gehen.

Was ist dafür die Ursache?

Leibovici-Mühlberger: Die Hyperindividualisierung der vergangenen 30 Jahre macht sich hier bemerkbar. Jeder wurde zur Ich-AG und nur noch der eigene Vorteil zählt, und das spaltet. Gleichzeitig hat diese maximale Freiheit vielfach zu einer maximalen Orientierungslosigkeit ge-führt, denn in der maximalen Wahlfreiheit steckt auch die maximale Wahlverantwortung. Damit konnten aber viele Menschen nicht umgehen und haben einfach den Part der Verantwortung gestrichen, und herausgekommen ist Beliebigkeit! Ich mache das, was mich gerade freut und solange es mich freut. Und das führt aber zu viel Friktion, denn das, was mich freut, gefällt anderen vielleicht nicht, aber es ist mir egal.

Ist das ein Erziehungsfehler der letzten 30 Jahre, der sich jetzt bemerkbar macht?

Leibovici-Mühlberger: Es ist eine Folge der Demontage der
letzten großen autokratischen Systeme wie etwa in Osteuropa. Jetzt haben wir einen Wertepluralismus und im Grunde wissen wir gar nicht mehr, was richtig ist, mit der Folge, dass sich viele Menschen nun an Extremen festklammern. Nachdem die Menschheit noch nie so frei war wie jetzt, durchläuft unsere Zivilisation gerade einen großen Transformationsprozess.

Das ist die Schattenseite der Freiheit?

Leibovici-Mühlberger: Es sind eher die Kinderschuhe der Freiheit und wir müssen uns nun zu einer selbstverantwortungsfähigen Zivilisation entwickeln, die mit dieser großen Freiheit umzugehen lernt. Wichtig ist jetzt aber, dass die Polarisierung nicht überhandnimmt, sondern wir das Verbindende finden. Uns muss klar sein, dass das, was uns als Spezies zum Erfolgsmodell macht, Kreativität und Gemeinschaft sind. Ohne diese beiden Eigenschaften wären wir in der biologischen Nahrungskette nur in der Mitte angesiedelt und nicht an der Spitze. Verlieren wir also das Soziale, wäre es ein Armageddon.

Schlägt sich die maximale Freiheit auch im Familienbild nieder?

Leibovici-Mühlberger: Wir haben mittlerweile sehr verschiedene Familienformen entwickelt. Das reicht von den Alleinerziehenden über die traditionelle Familie bis hin zur Regenbogenfamilie. Der entscheidende Faktor bei jeder Familie ist nicht die Form, sondern die Belastbarkeit. Heranwachsende Kinder brauchen Stabilität, Wärme und Zugehörigkeit. Wenn das vermittelt werden kann, ist die Form egal.

Welche Erziehungsfehler sollten wir heute unbedingt vermeiden?

Leibovici-Mühlberger: Der größte Fehler, den wir in der Erziehung heute machen können, ist Kinder narzisstisch zu individualisieren. Das sind typischerweise die Projektkinder ihrer Eltern. Nicht zuletzt liegt das auch daran, dass wir im Schnitt 1,4 Kinder pro Familie haben. Kinder bekommen wir heute zudem nicht mehr aufgrund einer Gesetzmäßigkeit der Natur, sondern auf Basis einer bewussten Entscheidung. Mit dem Wunschkind werden die Eltern aber auch für das Ergebnis verantwortlich: Das Kind muss „gut“ sein, perfekt sein. Jetzt haben wir aber nur 1,4 Kinder pro Familie und damit muss in der überwiegenden Zahl der Fälle das eine Kind gut gelingen. Das setzt die Eltern unter einen großen Ergebnisdruck, den die Kinder letztendlich dann ausbaden.

Wie können Eltern dieser Falle entkommen?

Leibovici-Mühlberger: Das ist heute gar nicht mehr so einfach, denn es hat sich geradezu eine Industrie rund um das Thema Erziehung entwickelt. Das fängt beim Babyschwimmen an und geht über die musikalische Frühförderung bis hin zu Erziehungskursen. Damit stehen die Eltern stark unter Druck, das Optimale aus dem Nachwuchs herauszuholen. Zusätzlich tendieren Eltern heute dazu, ihre Kinder in Samtpolstern durchs Leben zu tragen, weil allen eingeimpft worden ist, dass es schädlich ist, Kindern Grenzen zu setzen. Damit werden Kinder der Selbstregulation überlassen und angeleitet sich selbst zu entfalten ...

… und was ist schlecht daran?

Leibovici-Mühlberger: Diese Kinder sind überfördert und überfordert vom Anspruch, dass sie selber entscheiden sollen. Vierjährige Kinder müssen selbst entscheiden, wann sie zu Bett gehen oder sprechen bei den Urlaubsplänen der Eltern mit. Damit erschaffen wir gutgemeint einen narzisstisch individualisierten Nachwuchs, der wegen der vielen Möglichkeiten sowohl orientierungslos als auch massiv überfordert ist. Grenzen sind nicht nur
eine Beschränkung, sondern sie sind auch eine Stütze, die Halt gibt.

Wie sollten Eltern diesen Konflikt lösen?

Leibovici-Mühlberger: Meine Aufforderung wäre hier, dass wir unser Erziehungsmodell in Richtung eines sozialen Individualismus lenken, der auch Grenzen kennt. Natürlich altersadäquate und liebevoll gesetzte Grenzen. Nur so lernt der Nachwuchs auch den „Social Way of Conduct“. Nur so werden wir eine nächste Generation bekommen, die die Herausforderungen der Zukunft bewältigen kann. Wir brauchen soziale Individualisten, die das tun, wofür sie geschaffen sind, daraus ihren Selbstwert beziehen, die Gemeinschaft im Auge haben und glücklich sind. Gelingt uns das nicht, werden wir ein totales
Desaster erleben.

Wie optimistisch sind Sie für die Familie in der Zukunft?

Leibovici-Mühlberger: Ich bin immer optimistisch. Unsere Spezies hat zwar 2,7 Millionen Jahre vom ersten Werkzeug bis heute gebraucht und dazwischen sind wir mehrfach an der Ausrottung vorbeigeschrammt. Letztendlich hat der Mensch aber immer erkannt, wann es Zeit ist zu handeln. Biologisch ist in uns das Soziale verankert. So funktionieren wir besser und nur so sind wir auch glücklich. Der narzisstische Individualismus hat keine Zukunft, denn was helfen Geld und Macht, wenn man alleine ist, sobald am Ende das Licht ausgeht? Das war vermutlich eine der wenigen positiven Erfahrungen, die wir aus den bisherigen Lockdowns mitnehmen: Uns fehlen nicht der Ferrari oder das Wochenendhaus, sondern unsere Familie, Freunde und das Umarmen.

 

ZUR PERSON:
Prof. Dr. Martina Leibovici-Mühlberger ist Mutter von vier Kindern und praktische Ärztin, Gynäkologin, Ärztin für Psychosomatik. Sie trägt als Psychotherapeutin das European
Certificate of Psychotherapy. Sie leitet die ARGE Erziehungsberatung und Fortbildung GmbH, ein Ausbildungs-, Beratungs- und Forschungsinstitut mit sozialpsychologischem Fokus auf Jugend und Familie. Sie ist auch Buchautorin sowie Verfasserin zahlreicher wissenschaftlicher Fachartikel.

 

                BUCHTIPP              

Buch Startklar

 

Die Welt nach COVID-19 ist eine andere. Wir haben die Wahl, wohin sie sich entwickeln wird. Entsteht ein Kontrollstaat? Oder bewältigen wir die Herausforderung durch eine stärkere Gemeinschaft?

Die Psychotherapeutin und Ärztin Martina Leibovici-Mühlberger zeigt, was kommen kann und wie wir damit umgehen.

Diesen Artikel teilen:

Was zählt, sind die Menschen