Sparkassen Zeitung

Economy

Von Generation zu Generation

Ausgabe #6 Dezember/2020 • FAMILIE
Helene Tuma

DIE ÖSTERREICHISCHE WIRTSCHAFT IST STARK VON FAMILIENUNTERNEHMEN GEPRÄGT. DURCH IHRE NACHHALTIGE AUSRICHTUNG SIND SIE VERLÄSSLICHE PARTNER FÜR KUND_INNEN UND LIEFERANT_INNEN UND SEHEN IHRE MITARBEITER_INNEN ALS WICHTIGSTE RESSOURCE DES UNTERNEHMENS AN.

In Österreich gibt es 157.000 Familienunternehmen (ohne Ein-Personen-Unternehmen), die 1,8 Millionen Beschäftigten Arbeitsplätze bieten und rund 414 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaften. Die Hälfte der Unternehmen in Österreich sind damit Familienunternehmen im engeren Sinn. Sie stellen fast zwei Drittel (63 Prozent) der Beschäftigten und 55 Prozent des Umsatzes aller Unternehmen. „Familienunternehmen spielen in der österreichischen Wirtschaft eine sehr bedeutende Rolle und sind ihr Rückgrat. Diese alteingesessenen Traditionsbetriebe werden von Generation zu Generation weitergegeben. Es hat einmal jemand zu mir gesagt: Wir denken nicht in Quartalen, wir denken in Generationen. Das spiegelt die langfristige Ausrichtung der Unternehmen, was Strategien und auch Visionen betrifft, wider. Ich würde das Erfolgsgeheimnis von Familienbetrieben mit ‚Nachhaltigkeit‘ zusammenfassen. Nachhaltigkeit, was das Finanzgebaren betrifft, weil man ja schon für die nächste Generation plant, Nachhaltigkeit, was die Führungskräfte betrifft, da sie lange im Unternehmen bleiben, und Nachhaltigkeit, was die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betrifft, die oft viele Jahre dem Unternehmen die Treue halten“, erklärt Georg Jungwirth, Professor für International Marketing & Sales Management an der FH Campus 02 in Graz.

Familie Gunz
Firmengründer Werner Gunz übergab im April 2020 die
Leitung des Familienunternehmens an seinen Sohn
Stefan (re.) und seinen Schwiegersohn Michael Temel (li.).
Foto: Gunz

UNTERNEHMEN MIT WERTEN

In Familienunternehmen liegen Risiko, Verantwortung, Haftung und Kontrolle in der Hand der Inhaberfamilie. So auch bei der 1986 gegründeten Gunz Warenhandels GmbH. Das Unternehmen mit Stammsitz in Mäder hat seinen Schwerpunkt in der Entwicklung und dem Vertrieb seines internationalen Eigenmarken-Sortiments im Bereich Lebensmittel und Süßwaren. Aktuell umfasst das Portfolio 20 international registrierte Gunz-Marken, welche weltweit in über 100 Länder exportiert werden. „Ganz wichtig ist für uns der Umgang miteinander. Wir wünschen uns, ein Unternehmen mit Werten zu sein, das ein familiäres Flair in den eigenen Reihen spürt und verbreitet. Der Umgang sowie das Aushängeschild eines jeden Unternehmens sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Nachhaltigkeit hat in unserem Unternehmen einen sehr hohen Stellenwert, deshalb beschränkt sie sich bei uns nicht auf den ökologischen Teil. Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit gehören auch dazu. Wir haben uns dafür, wie auch die Sparkasse Vorarlberg, ‚Gemeinwohl‘-zertifizieren lassen. Das unterstreicht die Wichtigkeit dieses Themas in unserem Unternehmen nochmals deutlich“, erklärt Stefan Gunz, der gemeinsam mit seinem Schwager Michael Temel im April 2020 die operative Geschäftsführung von seinem Vater Werner Gunz übernahm. Aufgrund der Corona-Krise musste der Betrieb ab Mitte März heruntergefahren und auf Schichtbetrieb umgestellt werden. „Aktuell wurden auch alle geplanten Veranstaltungen, Messen und Feiern abgesagt. Wir beschäftigen uns daher mit sozialen Projekten, in die wir das Geld, das für die Veranstaltungen gedacht war, investieren werden. Aus unserer Sicht eine ganz tolle Geschichte, auch in schwierigeren Zeiten im Zeichen von Sozialität und Solidarität handeln zu können“, so Stefan Gunz.

KLARE ZUSTÄNDIGKEITEN

Das heimische Traditionsunternehmen Spitz mit Sitz im oberösterreichischen Attnang-Puchheim operiert seit mehr als 160 Jahren als erfolgreicher Lebensmittelproduzent. Nachhaltige Entwicklung gehört dabei ebenso zu den festgelegten Eckpfeilern wie die Kundenorientierung, der Technologiefokus und die Wertschätzung der MitarbeiterInnen.


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„VIELE FAMILIENUNTERNEHMEN MACHEN DEN FEHLER, DASS DIE ZUSTÄNDIGKEITEN
NICHT KLAR AUFGETEILT SIND. DAS BIRGT EIN ENORMES KONFLIKTPOTENZIAL.“

Walter Scherb jun., Geschäftsführer der S. Spitz GmbH,
leitet seit 2019 das Familienunternehmen in dritter Generation

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Mit Walter Scherb jun., der dritten Generation der Eigentümerfamilie, steht nun seit langer Zeit wieder ein Familienmitglied an der Spitze. Walter Scherb jun. ist seit rund fünf Jahren im Unternehmen tätig. „Mit Josef Mayer, der von 2008 bis Ende 2018 als Spitz-Geschäftsführer fungierte, hatte ich dabei stets einen großartigen Mentor an meiner Seite. Er hat mit der Professionalisierung der Strukturen und Prozesse das Fundament für nachhaltiges Wachstum gelegt und mich zudem umfassend darauf vorbereitet, den Familienbetrieb Anfang 2019 zu übernehmen.“ Dass er die Firma einmal leiten wird, wurde Scherb schon früh klar. „Ich bin schon als Kind und Jugendlicher sehr gern mit meinem Großvater in der Firma gewesen. So habe ich auch Ferialpraktika bei Spitz absolviert. Aber um den eigenen Weg zu finden und gehen zu können, ist eine klare Rollenverteilung im Unternehmen wichtig. Man muss wissen, wo der eigene Verantwortungsbereich liegt und wo die Schnittmengen mit anderen Familienmitgliedern sind. Viele Familienunternehmen machen den Fehler, dass die Zuständigkeiten nicht klar aufgeteilt sind. Das birgt ein enormes Konfliktpotenzial. Ist aber alles klar geregelt, kann man alle Vorteile eines Familienunternehmens genießen und ist am Markt einfach schneller und dynamischer“, so Scherb. „Die Verbindung zwischen Tradition und Innovation ist natürlich komplex und braucht eine ganzheitliche, systematische Betrachtung. Wichtig ist es allerdings, dass man Neues behutsam und mit Rücksicht auf die Firmenkultur etabliert.“

FORTBESTAND GESICHERT

Familie Toifl
Mit Georg Toifl, Eva-Maria Toifl, Julia Müller-Hartburg
und Jakob Müller-Hartburg sind derzeit zwei Generationen
im Wäschereibetrieb tätig
Foto: Rosa Toifl & Co GmbH

Zwei Generationen arbeiten gemeinsam in der Rosa Toifl & Co GmbH. Die Wäscherei wurde heuer als bestes Familienunternehmen Wiens ausgezeichnet. „Gegründet wurde das Unternehmen 1954 von meiner Mutter und meinem Vater. Ich habe die Textilfachschule, Abteilung Textilchemie, besucht und bin im Jahr 1968 in das Familienunternehmen eingetreten. Nachdem ein Arbeitskräftemangel im Unternehmen vorherrschte und es auch zu dieser Zeit schon schwierig war Arbeitskräfte zu bekommen, war es das Bestreben meiner Eltern, dass ich im Unternehmen tätig sein sollte. Meine Idee wäre eine andere gewesen, aber ich entschloss mich, anfänglich meiner Mutter zuliebe, diesen Weg zu beschreiten“, erzählt Eva-Maria Toifl über ihren Eintritt in das Familienunternehmen. Im Lauf der Zeit änderten sich die Ansprüche in der Firma, da der Privatsektor eine geringere Rolle spielte und Großkunden wie Hotels, Spitäler und die Industrie eine Herausforderung für das Unternehmen darstellten. „Speziell die Thematik der Mietwäsche rückte in den Vordergrund und ich fand zunehmend Freude an der abwechslungsreichen Tätigkeit“, so Toifl. Auch ihr Bruder Georg trat ins Familienunternehmen ein. Den Geschwistern wurde von ihren Eltern die Möglichkeit gegeben, zu entscheiden und zu gestalten – und sie waren damit erfolgreich. Es dauerte nicht lang, und die Eltern übergaben die Firma an ihre Kinder. Heute sind im Unternehmen neben Eva-Maria Toifl und ihrem Bruder Georg Toifl noch ihre Tochter Julia sowie ihr Schwiegersohn Jakob Müller-Hartburg tätig. „Es ist eine Freude für mich zu sehen, dass wir es geschafft haben, meine Tochter und meinen Schwiegersohn für unser Unternehmen zu begeistern. Das Motto meines Vaters: ‚Du kannst nur das ausgeben, was du hast‘, hat uns immer begleitet und seit jeher wurde der nachhaltige Gedanke gelebt. Diesen Gedanken vermitteln wir auch der zukünftigen Generation, wodurch der Fortbestand des Unternehmens weitgehend auch in Krisen wie dieser gesichert ist. Trotz meiner langen beruflichen Tätigkeit bin ich mit vollstem Herzen dabei und freue mich täglich auf neue Herausforderungen. Solange es meine Gesundheit erlaubt, stehe ich der jüngeren Generation mit Rat und Tat zur Seite“, versichert Eva-Maria Toifl.

JEDEN TAG OPERATIV TÄTIG

Ludwig Starkl stieg 2007 in den familieneigenen Gärtnereibetrieb ein. Da er schon in jungen Jahren, wie sein Vater und Großvater vor ihm, Gärtner werden wollte, besuchte er die Gartenbaufachschule in Langenlois und machte Praktika in Deutschland und den Niederlanden. „Ich bin da nie mit einer anderen Idee an die Sache herangegangen und habe mich auch gar nicht für andere Berufe interessiert. Für mich war klar, ich mache die Ausbildung zum Gärtner, weil das die stabilste Basis ist, die man in diesem Beruf braucht, und darauffolgend eine Wirtschaftsausbildung. Ich habe dann bewusst diesen Weg gewählt“, erinnert sich Ludwig Starkl. Als er ins Unternehmen kam, brachte er von seinen Aufenthalten im Ausland viele Ideen mit, die er auch gleich umzusetzen begann. „Gerade als junger Mensch erwartet man, dass man mit neuen Ideen grundsätzlich offene Türen einrennt und die Ideen sofort begrüßt werden, weil eine Neuerung Veränderung und hoffentlich Verbesserung bringt. Dem ist aber leider nicht so“, weiß Starkl heute: „Ich bin in meinem ersten Drang ein bisschen gestoppt worden und musste erkennen, dass man sich als Betrieb natürlich an den Kundinnen und Kunden orientieren muss und nicht daran, was man irgendwo gesehen hat.“ Er begann also seine Liste mit Ideen langsam Punkt für Punkt abzuarbeiten und ist jetzt nach 13 Jahren noch immer nicht damit fertig. Den Erfolg des Familienunternehmens erklärt der Chef sich auch damit, dass die Eigentümerfamilie jeden Tag im Betrieb operativ arbeitet. „Das hat mein Vater vor mir so gemacht, und das machen meine beiden Schwestern, die auch im Unternehmen tätig sind, und ich genauso. Für mich entsteht dadurch nicht dieses klassische Bild eines Dienstgebers und Dienstnehmers, es ist vielmehr ein familiäres Verhältnis. Das wirkt sich auch positiv auf das Unternehmen aus, weil sich die Mitarbeitenden dadurch persönlich mit der Firma identifizieren und eine andere Art der Loyalität entwickeln“, weiß Starkl. Auch er plant bereits für die nächste Generation. „Wir sind mittlerweile in der vierten Generation tätig und ich möchte das Unternehmen gerne an die fünfte Generation übergeben. Ich habe zwei Kinder, eine Tochter und einen Sohn, elf und neun Jahre alt, und beide haben zumindest jetzt den Wunsch ins Familienunternehmen einzusteigen. Das macht mich natürlich stolz und ich würde das gerne so weiterführen“, erklärt Starkl.

NACHHALTIGES WIRTSCHAFTEN

Familie Woerle
Mit Ende des Jahres übergibt Gerhard Woerle die
Privatkäserei in fünfter Generation an seinen Sohn Gerrit,
der die Tradition fortsetzen wird.
Foto: Nuno Filipe Oliveira

Ein Generationenwechsel findet mit Jahresende in der Privatkäserei Woerle statt. Gerhard Woerle übergibt in fünfter Generation an seinen Sohn Gerrit Woerle, der die über 130-jährige Familientradition in Henndorf am Wallersee weiterträgt. Auf die Firmenübernahme hat er sich schon mehrere Jahre lang vorbereitet. „Ich wollte, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehen, dass ich nicht nur der ‚Bua vom Chef‘ bin, sondern das Ganze sehr ernst nehme. Wichtige Entscheidungen werden aber auch künftig von der Familie gemeinschaftlich getroffen und nicht von einem Manager. Es ist gut, wenn man auf die Erfahrungen der älteren Generation zurückgreifen kann“, so Gerrit Woerle. Als familiengeführtes Unternehmen baut Woerle seit jeher auf Werte, die auch nach der Firmenübergabe von größter Bedeutung sind. „Wir stehen für Handschlagqualität sowie Wertschätzung und Respekt für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und unsere Milchlieferantinnen und Milchlieferanten. Zudem sind uns der sorgsame Umgang mit der Natur und das nachhaltige Wirtschaften große Anliegen. All das nimmt aber auch in meinem Leben einen hohen Stellenwert ein, denn persönliche Werte und Anschauungen müssen sich in der Unternehmensphilosophie wiederfinden“, erklärt Woerle: „Diese Firmenphilosophie kommt gerade jetzt – in diesen herausfordernden Zeiten – besonders zum Tragen. Unsere gut 350 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geben alles, damit wir die Versorgungssicherheit gewährleisten können. Ein fachlich versiertes und sehr motiviertes Team ist das Um und Auf eines erfolgreichen Unternehmens. Wir denken in Generationen und nicht an Shareholder Value oder kurzfristige Gewinnmaximierung. Die tiefe Verwurzelung mit der Region, der Natur und den Menschen prägt seit jeher das wirtschaftliche Handeln in unserem Unternehmen.“ Mit dem firmeneigenen neuen, umfassenden Nachhaltigkeitsprogramm werden – teilweise mit wissenschaftlicher Begleitung – Maßnahmen umgesetzt, die das gesamte Leben in der Heumilchregion positiv beeinflussen sollen. „In fünfter Generation werde ich den Fokus weiterhin auf nachhaltiges Wirtschaften für eine enkeltaugliche Zukunft legen“, verspricht Gerrit Woerle.

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Was zählt, sind die Menschen