Sparkassen Zeitung

5 Fragen an

Fünf Fragen an Christian Moser, Geschäftsführer von SOS-Kinderdorf

Ausgabe #6 Dezember/2020 • FAMILIE
Sandra Wobrazek

CHRISTIAN MOSER, GESCHÄFTSFÜHRER VON SOS-KINDERDORF, ÜBER DEN WERT DER FAMILIE, VERÄNDERTE FAMILIENSTRUKTUREN UND SEINE VISIONEN FÜR DAS INTERNATIONALE HILFSWERK, DAS VOR 71 JAHREN IN TIROL GEGRÜNDET WURDE.

1. WAS BEDEUTET FAMILIE FÜR SIE?
 „Die“ Familie gibt es nicht. Sie kann für jede Person etwas anderes bedeuten, wodurch aber der Wert kein anderer ist. Eltern, Geschwister und nahe Bezugspersonen sind für die Identitätsentwicklung von Kindern und Jugendlichen von immenser Bedeutung. Daher ist uns bei SOS-Kinderdorf die enge Zusammenarbeit mit den Herkunftsfamilien der Kinder ein besonderes Anliegen. 

2. WELCHE ROLLE SPIELEN DIE BETREUERINNEN UND BETREUER DER KINDERDÖRFER FÜR DIE KINDER UND JUGENDLICHEN, DIE MIT IHNEN LEBEN?
Sie haben eine sehr wesentliche Rolle und sind wichtige Vertrauenspersonen für die Kinder. Sie können kein Vater- oder Mutterersatz sein, aber sie sorgen für einen familiären Rahmen und eine liebevolle Atmosphäre. Wenn Kinder länger bei uns leben, bilden sich oft enge Beziehungen, die nicht selten über die Betreuungszeit hinausgehen. 

3. HAT SICH DER BEGRIFF „FAMILIE“ SEIT DER GRÜNDUNG DER SOS-KINDERDÖRFER VOR 71 JAHREN VERÄNDERT? 
Der gesellschaftliche Wandel hat Familienstrukturen verändert. Von Patchwork-Familien über Alleinerziehende bis zu Großfamilien gibt es unzählige Formen. Diese Veränderungen spiegeln sich auch im Programmangebot von SOS-Kinderdorf wider, das heute viel breiter und vielfältiger ist als zur Gründungszeit. Neben der Kinderdorf-Familie gibt es auch Wohngruppen und Krisenpflegeplätze für Kinder und Jugendliche oder Eltern-Kind-Wohnen, um ganze Familien vorübergehend aufzunehmen und wieder zu stabilisieren. Unverändert bleibt, dass Familien Kindern ein Zuhause, Halt und Sicherheit geben können und sollen.

4. WAS SIND IHRE VISIONEN FÜR SOS-KINDERDORF? 
Ich würde mir wünschen, dass es grundsätzlich immer weniger Kinder gibt, die bei uns in der sogenannten Fremdunterbringung aufwachsen müssen, denn dann haben sie meist schon viel erfahren, was Kinder nicht erfahren sollten: Gewalt, Missbrauch, schwere Vernachlässigung. Hoffentlich ist SOS-Kinderdorf in 70 Jahren weiterhin eine Organisation, die sich für Kinder einsetzt und ihren Anliegen eine Stimme verleiht. Entsprechend unserer Vision, jedem Kind ein liebevolles Zuhause geben, wie immer dieses Zuhause auch aussehen mag.

5. WIE HAT SICH DIE CORONA-KRISE AUF DIE SPENDENBEREITSCHAFT IN ÖSTERREICH AUSGEWIRKT? 
Viele unserer Unternehmenspartner und -partnerinnen sind durch die Corona-Krise hart getroffen worden. Daher spüren wir in diesem Bereich einen leichten Spendenrückgang. Corona wird uns noch vor viele neue Situationen stellen. Umso dankbarer blicken wir auf die treue Freundschaft vieler Unterstützerinnen und Unterstützer.

INFO: 1949 von dem Vorarlberger Hermann Gmeiner gegründet, ist SOS-Kinderdorf heute in 136 Ländern vertreten und betreibt mehr als 550 SOS-Kinderdörfer. Hinzu kommen über 1.500 Programme in der Kinder- und Jugendbetreuung und Familienstärkung – von Kindergärten und Schulen über Sozialzentren und medizinische Zentren bis zu Nothilfeprogrammen.

www.sos-kinderdorf.at

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