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Das Immunsystem der Seele

Ausgabe #2 Mai/2021 • RESILIENZ
Herta Scheidinger

ELTERN KÖNNEN IHREN KINDERN HELFEN, DIE PSYCHE ZU STÄRKEN UND IHRE SCHUTZFAKTOREN INDIVIDUELL ZU TRAINIEREN. DENN RESILIENZ ENTWICKELT SICH IN DER INTERAKTION ZWISCHEN KIND UND LEBENSUMFELD.

Unter Resilienz versteht man die Fähigkeit des Menschen, Belastungen und schwierigen Lebenssituationen standzuhalten und manchmal sogar noch an ihnen zu wachsen. Eine Eigenschaft, die nicht nur bei Erwachsenen wichtig ist. Resilienz ist auch bei Kindern und Jugendlichen ein wichtiges Thema, das meist aber zu wenig beachtet wird. Doch gerade das letzte Jahr hat gezeigt, dass innere Stärke Kindern dabei hilft, gut durch die Krise und die großen Herausforderungen des Alltags zu kommen. Denn wer resilient ist, steckt Stress und aufkommende Ängste besser weg. Schlechte Erfahrungen in der Schule, Streit mit Freundinnen oder Freunden und Stress mit den Eltern sind Situationen, mit denen sich Kinder unwohl fühlen. Wie gut der Nachwuchs mit diesen Herausforderungen umgeht, hängt von der eigenen Resilienz ab. Doch wie kann ein Kind Fähigkeiten und Kompetenzen entwickeln, um Problemsituationen weniger als Belastung, sondern vielmehr als Herausforderung wahrzunehmen?

RESILIENZ IST NICHT ANGEBOREN

Das Thema Resilienz wird wichtig, wenn die Seele des Kindes Angriffen ausgesetzt ist. Manche Kinder stehen einem belastenden Ereignis hilflos gegenüber, andere hingegen sind in der Lage, kritische Erfahrungen zu meistern ohne Schaden zu nehmen. Ist Resilienz bei Kindern also eine Frage der Persönlichkeit? Ist sie angeboren? „Der letzte Stand der Forschung ist der, dass Resilienz nicht angeboren ist,“ erklärt die Klinische Psychologin Sabine Standenat. „Es hat sehr viel mit dem Elternhaus und dem Erziehungsstil zu tun, ob ein Kind resilient ist. Wie mit den Kindern umgegangen wird, welches Klima in der Familie herrscht, ist nach meiner Erfahrung besonders wichtig für die Entwicklung von seelischer Widerstandsfähigkeit“, so Standenat weiter. Eine stabile, positive Beziehung zu einer oder mehreren Bezugspersonen gibt einem Kind die Sicherheit, alle anderen Fähigkeiten adäquat zu entwickeln. Grundlegend ist für die Psychologin ein wertschätzender, akzeptierender Umgang mit dem Kind. Die Gefühle des Kindes müssen ernst genommen und Probleme dürfen nicht heruntergespielt werden. Das Kind darf nicht in die Defensive gedrängt werden. Es ist die Aufgabe der Eltern das Kind zu unterstützen, damit es aus sich herausgeht und – altersentsprechend – seine Gefühle auch zeigt und verbalisiert.

Der Fokus muss auf der Bewältigung von Risikosituationen sowie den individuellen Fähigkeiten, den Ressourcen und den Stärken jedes einzelnen Kindes liegen, ohne dabei Probleme zu ignorieren oder zu unterschätzen. Wie stark die Resilienz bei einem Kind ausgeprägt ist, können Eltern daran erkennen, wie sich dieses in schwierigen Situationen verhält:

  • Reagiert es stabil und überlegt auf Probleme, oder reagiert es mit Wut und Aggression?
  • Kann es über seinen Kummer reden und ihn verarbeiten?
  • Kennt und vertraut es seinen eigenen Empfindungen und Gefühlen?
  • Kann es Schwierigkeiten aus sich heraus meistern und Lösungen finden?
  • Kommt es mit Niederlagen und Rückschlägen zurecht?

EINE NEUE SITUATION

Schwierig ist es, wenn die Eltern selbst ein Problem damit haben zu ihren Gefühlen zu stehen und damit umzugehen, was derzeit leider oft der Fall ist. Die aktuelle Situation durch die Corona-Pandemie ist für Kinder und Erwachsene Neuland. „Darum ist es wichtig als Eltern zu erkennen, wenn man überfordert ist. Das ist absolut keine Schande, sondern nur ein Eingeständnis, dass es eine Situation ist, mit der man im Moment nicht umgehen kann. In so einem Fall ist es wichtig sich Hilfe zu organisieren. Und zwar für sich selbst und auch für das Kind“, rät die Psychologin.

Lösungsorientiert zu denken und nicht problembezogen, ist das Gebot der Stunde. Als Elternteil muss man nach Lösungsmöglichkeiten für das Kind und die ganze Familie suchen. Was nicht heißt, dass man den Kindern eine „heile Welt“ vorspielen muss. Man kann die momentane große Herausforderung ansprechen, aber auch sagen: „Wir werden das gemeinsam schaffen und einen Weg finden.“ Die Kinder bekommen die Probleme der Eltern im Alltag mit, deshalb sollte man die Situation ansprechen, aber nicht mit der vollen Wucht das eigene Drama mit den Kindern teilen. Oder gar Probleme beim Kind abladen.

STRATEGIEN, UM DIE RESILIENZ DES KINDES ZU FÖRDERN

Als Mutter oder Vater kann man das Kind für den Umgang mit Belastungen stärken und ihm wichtige Basiskompetenzen vermitteln. Doch Achtung: Eltern können nur etwas überzeugend vermitteln und weitergeben, das sie selbst besitzen und leben. Weit wichtiger als Worte sind Taten.

Ermuntern Sie Ihr Kind regelmäßig, über sich zu sprechen. Zeigen Sie Interesse daran, was Ihr Kind zu sagen hat, an seinen Gefühlen und was es beschäftigt. Auf diese Weise zeigen Sie ihm, dass Sie seine Gedanken, Gefühle und Person ernst und wichtig nehmen.

Anerkennende und lobende Worte und Gesten sind der einfachste, schnellste und beste Weg, um das Selbstwertgefühl des Kindes zu stärken. Loben Sie wenigstens einmal am Tag Ihr Kind bzw. ein Verhalten von ihm. Hat etwas einmal nicht geklappt, dann loben Sie es dafür, dass es sich angestrengt und Mühe gegeben hat. Das nimmt dem Kind die Angst vor dem Versagen und verhindert, dass es an sich zweifelt, wenn ihm Fehler unterlaufen.

Ermutigen Sie es, neue Dinge auszuprobieren und geben Sie ihm die Sicherheit, dass Sie für es da sind, wenn es Sie braucht. Bieten Sie ihm Hilfe und Unterstützung an, wenn Sie merken, dass es an sich zweifelt oder nicht vorankommt.

Sabine Standenat,
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„ES HAT SEHR VIEL MIT DEM ELTERNHAUS UND DEM ERZIEHUNGSSTIL ZU TUN, OB EIN KIND RESILIENT IST.“

Sabine Standenat,
Klinische Psychologin

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Halten Sie sich mit Kritik zurück und wenn Sie kritisieren, dann nur das Verhalten und niemals die Person. Geben Sie ihm das Gefühl, dass es als Mensch liebenswert und wertvoll ist – auch wenn Sie sein Verhalten kritisieren.

Emotionale Wärme und Zuneigung ist sehr wichtig, um einem Kind das Gefühl zu geben, gemocht und geliebt zu werden. Zeigen Sie Ihrem Kind, dass Sie es lieben und stolz auf es sind.

Vermitteln Sie Ihrem Kind das Gefühl, einzigartig zu sein. Also keine Vergleiche mit Geschwistern oder anderen Kindern anstellen: Vergleiche untergraben die Selbstachtung. Sie erzeugen in einem Kind das Gefühl, nicht in Ordnung und damit nicht liebenswert zu sein.

Wird die Resilienz bei Kindern trainiert, bedeutet das mehr psychische Widerstandsfähigkeit und innere Stärke, um auch in schwierigen Situationen eine gute Balance zu behalten.

 

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Was zählt, sind die Menschen