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Economy

"Es geht nicht um Almosen, sondern um respektvolle Hilfe zur Selbsthilfe"

Ausgabe #4 September/2021 • GESUND UND FIT
Stephan Scoppetta
Bild von links: Klaus Schwertner, geschäftsführender Caritas-Direktor der Erzdiozöse Wien, Carmencita Nader, Leiterin des Social Bankings der Erste Bank, und Günter Benischek, ehrenamtlicher Vorstand Zweite Sparkasse

CARMENCITA NADER, LEITERIN DES SOCIAL BANKINGS DER ERSTE BANK, GÜNTER BENISCHEK, EHRENAMTLICHER VORSTAND ZWEITE SPARKASSE, UND KLAUS SCHWERTNER, GESCHÄFTSFÜHRENDER CARITAS-DIREKTOR DER ERZDIÖZESE WIEN, SPRECHEN IM INTERVIEW ÜBER DEN GLÜCKLICHEN ARMEN, DIE LEBENSQUALITÄT ÖSTERREICHS UND WARUM WIRTSCHAFT UND SOZIALES KEINE GEGENSÄTZE SIND.

Derzeit stehen Themen wie Minimalismus und Reduktion auf das Wesentliche auf der Agenda vieler Menschen ganz oben. Denn Reichtum belastet und schadet der Umwelt. Aber bedeutet das im Umkehrschluss, dass sich arme Menschen glücklich schätzen können, weil sie wenig besitzen?

Günter Benischek: Den glücklichen Armen halte ich für Sozialromantik. Bei uns in der Zweite Sparkasse betreuen wir derzeit über 8.600 Kundinnen und Kunden. Der Bogen spannt sich vom in den Konkurs geschlitterten Selbständigen über alleinerziehende Mütter bis zu Jugendlichen auf der Straße. Glücklich über diese Situation ist von denen niemand. Auffällig ist aber, dass es ein sehr großes Spektrum von Armut gibt. Grundsätzlich muss man definieren, ab wann man arm ist. Dazu habe ich einmal eine sehr schöne Definition gehört: „Arm ist man, wenn man niemanden mehr beschenken oder einladen kann“. Es geht also nicht immer nur um den Lohnzettel, sondern auch um das Thema soziale Integration. Und hier ist eines sicher: Armut macht einsam.

Carmencita Nader: Minimalismus ist zwar ein spannender Trend mit großer Perspektive, aber diesen muss man sich leisten können. Es ist eine selbstgewählte Form des Verzichts. Viele Menschen machen das, weil sie bewusst keine Ressourcen verschwenden wollen, zum Beispiel, um Umwelt und Klima zu schützen. Armut hingegen ist in den seltensten Fällen selbst gewählt, sondern meist eine Folge schrecklicher Ereignisse, die Menschen aus der Bahn wirft. Sie können den Kühlschrank nicht füllen oder verlieren das Dach über dem Kopf.

Klaus Schwertner: Armut schließt aus, macht krank und führt zu Diskriminierung. Es geht also nicht um Minimalismus, sondern um Existenzfragen. Bei der Caritas sehen wir tagtäglich die Folgen von Armut, und das in einem wohlhabenden Land wie Österreich.

Warum macht Armut krank?

Schwertner: Das hat viele Gründe. Die Lebensumstände armer Menschen sind grundsätzlich sehr viel herausfordernder. Bei der Ernährung muss gespart werden und die Wohnung – sofern eine solche überhaupt vorhanden ist – ist oft dunkel, schimmlig und generell in einem schlechten Zustand.

Nader: Auch medizinische Leistungen werden oft nicht in Anspruch genommen, weil manchmal nicht mal mehr eine Versicherung besteht oder die Rezeptgebühr von 6,50 Euro zu einer finanziellen Herausforderung wird.

Benischek: Insgesamt ist Armut für die Betroffenen unglaublich stressig. Dieser Stress beginnt am 4. des Monats und hört bis zum nächsten Einkommenstag nicht mehr auf.

Wie können Menschen in einem der reichsten Länder der Welt in Armut abrutschen?

Schwertner: Es stimmt nachdenklich, dass selbst in einem wohlhabenden Land wie Österreich rund 13,9 Prozent der Bevölkerung armutsgefährdet sind. Das sind 1,2 Millionen Männer, Frauen und Kinder.

Benischek: Das kann sehr schnell gehen. Oft sind es Jobverlust, Scheidung oder eine schwere Krankheit, die Menschen in die Armut abrutschen lässt. Hat man dann kein familiäres Netz, das einen auffängt, geht es schnell bergab.

Nader: Und es kann jedem passieren, das sollte uns allen bewusst sein. Zudem zeigt die Armutsstatistik, dass es einige Gruppen gibt, die vom Thema Armut besonders betroffen sind. Dazu zählen zum Beispiel Pensionistinnen und Pensionisten und insbesondere Frauen, die aufgrund ihrer Lebensbiografien wie lange Karenzzeiten, Teilzeitjobs und wenige Versicherungsmonate nur mit der Mindestpension auskommen müssen. Auch Kinder sind stark gefährdet. Hier besteht von politischer Seite großer Handlungsbedarf.

Österreich hat eines der besten Sozialsysteme der Welt. Wie kann es trotzdem passieren, dass Menschen durch diese sozialen Netze fallen?

Nader: Unser Sozialsystem ist wirklich gut und zählt zurecht zu den besten der Welt. Allerdings haben sich durch gesellschaftliche Veränderungen gefährliche Lücken aufgetan, die es zu schließen gilt. Hier ist es die Aufgabe der Sozialpolitik, den Sozialstaat in Abstimmung mit der Zivilgesellschaft an die bestehenden Notwendigkeiten anzupassen.

Schwertner: Auch wenn wir seit einigen Jahren vermehrt darüber diskutieren, ob wir uns den Sozialstaat noch leisten können, und einige Kräfte diesen zurückdrängen wollen, so hat gerade die Pandemie gezeigt, wie wichtig der Sozialstaat ist. Hunderttausende Menschen wären durch Jobverlust oder Krankheit in den vergangenen Monaten in bitterste Armut abgestürzt. In der ganzen Diskussion wird zudem gerne übersehen, dass der Sozialstaat nicht nur für die Armen da ist, sondern für uns alle. Wird die Kluft zwischen Arm und Reich größer, steigt auch der soziale Unfrieden, was sich beispielsweise an der Kriminalitätsrate erkennen lässt. Österreichs Lebensqualität profitiert nicht nur von schönen Bergen und Landschaften, sondern auch von einem gut austarierten Sozialsystem, das für Sicherheit und Stabilität in diesem Land sorgt.

Beängstigend ist, dass rund 400.000 Kinder und Jugendliche in Österreich armutsgefährdet sind. Wie kann es sein, dass so viele junge Menschen trotz Facharbeiter- und Lehrlingsmangel auf der Straße stehen?

Schwertner: Viele von ihnen wachsen in armutsbetroffenen Familien auf, wo die Eltern teilweise selbst in schwierigen Situationen sind. Was hier unter anderem fehlt, ist Bildung und damit die Chance, einen guten Arbeitsplatz zu finden. Deshalb müssen wir etwa die frühen Hilfen in Österreich ausbauen und schon im Kindergarten oder in der Volksschule ansetzen, um diesen Kreislauf der „vererbten Armut“ zu durchbrechen. Wie das gelingen kann, zeigen die 56 Caritas-Lerncafés in Österreich. 960 Freiwillige aus ganz Österreich bieten hier kostenlose Nachhilfe für 2.000 Kinder und Jugendliche. Leider ist der Bedarf viel größer und die Wartelisten sind lang. Im vergangenen Jahr konnten 96 Prozent dieser Kinder die Schulklasse positiv abschließen.

Nader: Jedes erfolgreiche Wirtschaftssystem braucht Anpassungsfähigkeit, Wissen und Innovationskraft. Aus ökonomischer und menschlicher Sicht wäre es Irrsinn, das Zukunftspotenzial von 400.000 Kindern und Jugendlichen nicht zu nutzen. Mit Bildung gibt man diesen Kindern und Jugendlichen nicht nur eine Zukunft ohne Armut, sondern bietet ihnen die Chance auf ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben.

Hat die nun eineinhalb Jahre währende Pandemie die Situation verschlimmert?

Schwertner: Diese Pandemie ist nicht nur eine Gesundheitskrise, sondern auch eine soziale, psychosoziale und eine Bildungskrise. Viele Menschen haben sich in den letzten Monaten hilfesuchend an die Caritas gewendet, darunter auch Menschen, die noch nie etwas mit uns zu tun hatten. Denken Sie an Eventmanagerinnen und Eventmanager, Künstlerinnen und Künstler oder junge Gründerinnen und Gründer, die keine oder nur geringe staatliche Hilfe bekommen haben. Diese sind nach eineinhalb Jahren Krise ohne Aufträge oder Jobs an ihre finanziellen Grenzen gekommen. Hier ist die Frustration besonders groß.

Benischek: Diese Menschen tun alles dafür, dass es keiner in ihrem Umfeld mitbekommt, weil die Scham über diese plötzliche Verarmung groß ist. Man will nicht Verwandte oder Freunde um Hilfe bitten, weil damit das eigene Lebensfundament einstürzen würde.

Nader: Durch die Covid-Krise sind wir mit Menschen ins Gespräch kommen, wo wir es eigentlich nicht erwartet hätten. Die Krise ist in Bereiche vorgedrungen, die früher als sicher galten.

Wie kann man den Betroffenen in ihrer Situation helfen?

Benischek: Das wirkliche Asset der Zweiten ist nicht die Kontonummer, die man den Kundinnen und Kunden gibt, sondern die Betreuung und das Gespräch auf Augenhöhe. Die Kundinnen und Kunden, die zu uns vermittelt werden, hatten in der Vergangenheit meist andere Erfahrungen mit Banken. Da ging es oft nur darum, wann offene Raten bezahlt werden oder wann das Konto gedeckt wird.

Nader: Diesen Stress haben sie in der Zweiten nun nicht mehr. Wenn wir sie zu einem Gespräch über die Möglichkeiten von Onlinebanking George einladen und fragen, ob sie dazu einen Kaffee wollen, dann sind sie im ersten Moment mehr als überrascht. Mit unserer Betreuung geben wir den Betroffenen wieder ein Stück ihres oft abhanden gekommenen Selbstwertgefühls zurück.

Schwertner: Wenn man Menschen helfen will, dann sollte es nicht darum gehen Almosen zu verteilen, sondern Respekt zu zollen und den Betroffenen Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen. Bei der Caritas geht es nicht nur um große Not, sondern eigentlich viel mehr um Hoffnung und Zuversicht. Das ist ein wichtiger Motor, um diesen Job zu machen, auch für mich.

Was kann die Finanzwirtschaft beitragen, um soziale Probleme zu lösen?

Nader: Als Erste Bank und Sparkassen fühlen wir uns der Zivilgesellschaft verbunden. Uns gibt es seit mehr als 200 Jahren und gesellschaftliche Verantwortung wurde uns durch den Sparkassengedanken buchstäblich in die Wiege gelegt. Sie ist unser Gründungsauftrag. Sparkassen waren immer Brückenbauer, Ermöglicher und Macher. Wir stehen inmitten der Gesellschaft und kennen unsere Kundinnen und Kunden, wir wissen um ihre Pläne und Sorgen und was sie antreibt. Durch Social Banking können wir mit Bankprodukten dazu beitragen, soziale Herausforderungen zu bewältigen. Wir können mit Zahlungsverkehrsund Finanzierungsangeboten Sozialorganisationen in ihrer Wirkung unterstützen. Wir können Arbeitslosen mit Kleinstfinanzierungen den Sprung in die Selbstständigkeit ermöglichen. Und wir können mit Instrumenten unserer Social-Housing-Initiative Familien, denen es gerade nicht so gut geht, den Zugang zu leistbarem Wohnraum ebnen.

Benischek: Die Krise hat quer durch alle Gesellschaftsschichten zu einem Umdenken geführt und die soziale Rendite wird auch im Wirtschaftsleben und bei der Geldanlage immer wichtiger. Wenn wir über Nachhaltigkeitsoder ESG-Fonds reden, dann besteht die Abkürzung ESG nicht nur aus „E“ für „Environment“ oder Umwelt, sondern auch aus dem „S“ für das Soziale und dem „G“ (= Governance) für gesetzeskonforme Nachhaltigkeit. Viele reiche Menschen haben das Bedürfnis, einen sozialen Beitrag zu leisten und helfen mit Stiftungen oder Beteiligungen an Sozialunternehmen.

Schwertner: Es wird ja immer wieder so getan, als ob Wirtschaft und Soziales nichts miteinander zu tun hätten. Doch Wirtschaft und Soziales sind wie zwei Pfeiler einer Brücke. Stürzt ein Pfeiler ein, stürzt die gesamte Brücke ein. Es darf nicht die Diskussion geben, die bösen Banken und die böse Wirtschaft und das gute Soziale oder umgekehrt. Wir alle müssen gemeinsam Lösungen für neue gesellschaftliche Herausforderungen finden. Gelingt uns das nicht, wird unsere Brücke an Stabilität verlieren oder gar einstürzen.

DIE GUTE SEITE DER MACHT

Das Match Gut gegen Böse scheint längst entschieden zu sein – die Welt wird dominiert von Populisten und Despoten und Egoismus geht heute vor Solidarität. Klaus Schwertner bringt es in seinem ersten Buch auf den Punkt: Es sind nicht die anderen, sondern wir selbst sind Teil des Problems. Die gute Nachricht ist: Wir können Teil der Lösung sein. Zumindest dann, wenn wir erkennen: Es ist gut, Mensch zu sein. Veränderung ist möglich, wenn wir unsere eigene Komfortzone verlassen, über Grenzen gehen und bereit sind, die Veränderung, die wir wollen, selbst voranzutreiben. Wir können die Welt nicht retten? Wir sollten zumindest damit beginnen.

Das Buch „Gut, Mensch zu sein“ (ISBN 978-3-222- 15065-4) von Klaus Schwertner ist im März 2021 im Molden Verlag erschienen. Die gebundene Ausgabe macht auf 192 Seiten Lust auf das Gute und kostet 23 Euro. Das Honorar bekommt nicht der Autor, sondern es fließt in soziale Projekte.

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Was zählt, sind die Menschen