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Werte

250 Jahre Wiener Börse

Ausgabe #5 November/2021 • WERTEWANDEL
Gerrit Gubo

EINE DER ÄLTESTEN NATIONALBÖRSEN DER WELT FEIERT GEBURTSTAG – DIE IM JAHR 1771 VON MARIA THERESIA GEGRÜNDETE WIENER BÖRSE WIRD 250 JAHRE ALT. ANLÄSSLICH DIESES JUBILÄUMS LOHNT SICH EIN BLICK AUF DIE VERGANGENHEIT UND DIE ZUKUNFT DES HANDELSHAUSES.

Schon 1761 begann man in Wien über die Gründung einer Börse nachzudenken, unter Kaiserin Maria Theresia wurden die Verträge 1771 schlussendlich in trockene Tücher gelegt – damals mit dem Hintergedanken, das Vertrauen der BürgerInnen in den Staatshaushalt des Hauses Habsburg zu stärken. Am 2. September 1771 fand der erste Handelstag an der Wiener Börse statt.

DIE HISTORIE

Von freiem Handel war zu Beginn nicht die Rede: Nach französischem Vorbild wurde die Wiener Börse als Zwangsbörse gegründet, die der staatlichen Kapitalaufbringung diente. Den damaligen Handel leiteten die sogenannten Sensale, die ganz anders als heutige BörsenmaklerInnen persönliche Geschäfte „auf dem Parkett“ abwickelten. War das Portfolio der Wiener Börse anfangs noch recht dürftig, so wurde es ein halbes Jahrhundert später aufgestockt: Fast fünfzig Jahre nach der Gründung der Wiener Börse wurde 1818 der Aktienhandel eingeläutet. „Nach dem anfänglichen Handel mit Anleihen, Wechseln und Devisen notierte mit der Oesterreichischen Nationalbank ab 1818 schließlich die erste Aktie in Wien. Einer der ersten Aktionäre war kein Geringerer als Ludwig van Beethoven“, erzählt Christoph Boschan, CEO der Wiener Börse.

TURBULENTE ZEITEN

Wiener Börse Handelsraum
Nach dem 1996 erfolgten Wechsel auf ein
vollautomatisiertes Handelssystem wird der Handel
an der Wiener Börse nur noch digital abgewickelt – die
Trades gehen heutzutage in Sekundenschnelle
über die Bühne.
Foto: Wiener Börse

Mitte des 19. Jahrhunderts erlangte die Börse dank der politischen und wirtschaftlichen Bedeutung der Habsburgermonarchie zunehmend internationales Ansehen. Wertpapiere privater Unternehmen, Staatsanleihen und Aktien unterschiedlicher Banken boomten – die Wirtschaft der Donaumonarchie war aufgrund der Notierung und Handelbarkeit von immer mehr Wertpapieren an der Börse im Aufschwung, der Standort wurde auch für ausländische Investoren attraktiv. Der Konjunkturaufschwung brachte zahlreiche Neunotierungen mit sich, unter anderem konnten ab 1869 Aktien der PORR AG und der Wienerberger AG gehandelt werden, die nach 150 Jahren Erfolgsgeschichte heute noch als die ältesten Titel an der Wiener Börse gelten. Die damalige liberale Wirtschaftspolitik brachte allerdings kein unbegrenztes Wachstum: Durch unsolide Unternehmensgründungen und eine Spekulationswelle kam es am 9. Mai 1873 zum Wiener Börsenkrach, mit dem etwa die Hälfte der Aktien vom Kursblatt verschwand. Als weitere einschneidende Geschehnisse in der Geschichte der Wiener Börse gelten neben der Eröffnung des historischen Börsengebäudes am Ring und dessen verheerendem Brand auch die kriegsbedingten Schließungen des Handelshauses in den Jahren zwischen 1914 und 1945. Nach langen ereignisreichen Jahrzehnten brachten die Umbrüche gegen Ende des 20. Jahrhunderts der Wiener Börse einen erneuten Aufschwung: „Die Vergangenheit zeigt, dass die Entwicklung der Börse nie stillsteht“, fasst Boschan zusammen.

MODERNISIERUNG UND DIGITALISIERUNG

Die unbestritten größte Veränderung an der Börse brachten wohl die Entstehung und der Aufstieg des Internets mit sich. 1989 wurde das erste teil-elektronische Handelssystem eingeführt, mit 1996 stieg man auf ein vollautomatisiertes EQOS (Electronic Quote- and Order-driven System) um. Boschan betont: „Fand der Handel zu Beginn noch persönlich am Parkett statt, so war wohl eine der größten Transformationen die ins digitale Netzwerk. Seit 1991 wird der Leitindex ATX berechnet und seit 1999 findet der Handel ausschließlich elektronisch statt.“ Ein wesentlicher Effekt der Digitalisierung des Börsenmarktes war die damit einhergehende Vereinfachung des globalen Handels: „Mit starker internationaler Ausrichtung, sowohl kundenseitig als auch mit unserem Partnernetzwerk, öffnen wir die Tore zu den globalen Finanzmärkten“, zeigt sich der CEO der Wiener Börse überzeugt. Allerdings lassen sich nicht nur im internationalen Raum Erfolge verzeichnen, auch im Inland hat sich in den vergangenen Jahren an der Börse viel bewegt: So meldete die Wiener Börse 2017 mit der BAWAG Group AG den bisher größten Börsengang Österreichs, dessen Emissionsvolumen sich auf 1,93 Milliarden Euro belief. Hinter den positiven Entwicklungen des österreichischen Finanzmarktes steckt auch ein stetiges Engagement: „Wir sind in vielen Bereichen, wie etwa der Finanzbildung und der Wissensvermittlung rund um das Thema, aktiv, um den heimischen Kapitalmarkt weiterhin zu stärken. Der Ausbau einer starken heimischen Aktionärsbasis ist etwas, das ich mir für den Standort Österreich wünsche. Das würde zu einer stärkeren Teilhabe an der fantastischen Entwicklung der österreichischen börsennotierten Unternehmen führen“, ist sich Boschan sicher.

Christoph Boschan,
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„WIR WERDEN WEITERHIN TRADITION UND VERLÄSSLICHKEIT MIT ZUKUNFT
UND SCHNELLIGKEIT VERBINDEN!“

Christoph Boschan, CEO der Wiener Börse

Foto: Wiener Börse
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BLICK IN DIE ZUKUNFT

Auch wenn es an der Börse oft turbulent wird: Für den CEO ist klar, dass man durch langfristiges Denken und mit der richtigen Herangehensweise trotz herausfordernder Zeiten die Oberhand behält. „Der klare strategische und bis jetzt sehr erfolgreiche Plan wird fortgesetzt werden. Das bedeutet, dass trotz eines nicht immer sehr vorteilhaften Umfeldes ein Wachstumskurs angestrebt wird.“ Nach bewegten 250 Jahren blickt man an der Wiener Börse jedenfalls gespannt in die Zukunft, deren Perspektiven und Chancen man nützen möchte: „Wir planen das Datengeschäft, alle Arten von Notierungsservices und hierbei besonders den in letzter Zeit sehr starken Anleihenbereich weiterhin auszubauen. Und natürlich wollen wir beim Handel mit österreichischen Unternehmen unsere Marktführerschaft beibehalten. Wir werden weiterhin Tradition und
Verlässlichkeit mit Zukunft und Schnelligkeit verbinden“, versichert Boschan.

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