Sparkassen Zeitung

Werte

Die Kasse der Agenten

Ausgabe #3/2016 • Die Zukunft ist jetzt
Christian Prenger

MOBILE BANKING WORLDWIDE

Kein Konto, keine Bankfiliale, kein Bargeld – aber trotzdem eine alternative: In weniger entwickelten Regionen dieser Welt ist das Handy mehr als ein Telefon. Mobile Banking ermöglicht vielen Menschen ein geregeltes Tinanzleben.

Es könnte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein: Anfangs zeigten sich viele KonsumentInnen in Europa reserviert gegenüber der Filiale auf dem Display – nun scheint alles anders zu werden, seit die KonsumentInnen Mehrwert orten. Geldgeschäfte über mobile Endgeräte gewinnen an Kraft. Laut der Unternehmensberatung Sopra Steria Consulting verwenden etwa in Österreich 21 Prozent der KundInnen Banking-Apps mindestens einmal wöchentlich. Laut McKinsey verwenden KundInnen von Erste Bank und Sparkassen Mobile Banking noch häufiger: 33 Prozent oder jede/r Dritte nützt bereits Apps wie George Go oder Card Control.

Andere Länder verzeichnen ebenfalls eine kontinuierliche Entwicklung in Richtung Mobile Payment. Während der alte Kontinent auf den Trend-Zug aufspringt, hat die Nutzung in anderen Regionen der Welt längst Höchstgeschwindigkeit erreicht. Afrika kann als Blaupause für einen Stellenwert von Mobile Banking gelten, der weit über Transaktionen hinausgeht. Dort fungiert das Handy als ultimative Finanz-Fernbedienung im Alltag: Über 50 Prozent des globalen M-Payments erfolgen bereits auf dem schwarzen Kontinent. 

Die Hinwendung zum Endgerät passiert aber keineswegs aufgrund wachsender Lust an neuer Technologie. Als Treiber fungieren rationale Motive: Gerade in politisch und sozial unruhigen Gegenden sucht die Bevölkerung Wege, ihre knappe Barschaft nicht regelmäßig an Spekulanten oder Kämpfer aus allen ideologischen Ecken zu verlieren. Häufig fehlt auch Vertrauen in das bestehende finanzielle Establishment und dessen Institutionen. Das Telefon stellt dann oft eine bessere Perspektive in Aussicht, was Sicherheit sowie Verfügbarkeit von Ressourcen betrifft.

„Agenten“ im Einsatz für ein alternatives Handy-Finanzleben: Mit dem Service M-Pesa führt der Weg zum Geld über das Display.

BARGELDLOS MIT DEM HANDY
Als mobiler Spitzenreiter erweist sich dabei Kenia, wo seit 2007 ein Dienst im Einsatz ist, der in vielen afrikanischen Ländern hohen Zuspruch verzeichnet: „M-Pesa“, ein vom Mobilfunker Safaricom zusammen mit Vodafone kreiertes System für bargeldlosen Zahlungsverkehr via Handy. Die Anwendung steht in jeder Hinsicht im Zeichen der völligen Einfachheit, komplexe Smartphone-Technik spielt hier keine Rolle. Guthaben werden bar gekauft, auf die SIM-Karte geladen und dann mobil an andere BenutzerInnen dieses Services mittels SMS oder an Personen mit regulären Konten verschickt.

Alle Überweisungen sind sofort auf dem Display des Empfängers oder der Empfängerin sichtbar und mit einem Zahlencode versehen. Dieser ist erforderlich, um den jeweiligen Betrag bei einem der sogenannten „Agenten“ abzuholen. Es sind aber keine Geheimdienst-MitarbeiterInnen, die hier im Nebenberuf oder in der Pension als finanzielle Schaltstelle agieren. Zumeist übernehmen Tankstellen-PächterInnen oder auch BesitzerInnen von Internetcafés die Funktion als TeilzeitbankerInnen für M-Pesa.

Mit gesteigerter Betriebsamkeit in den Räumlichkeiten ist aufgrund der Beliebtheit des Dienstes zu rechnen. Denn niemand muss zwingend Bargeld mit sich tragen, wenn für Transaktionen selbst ein altes Billig-Handy genügt, das SMS senden kann. Dazu kommt die Flexibilität: Geld lässt sich an jeden Ort im Land transferieren, selbst in die Slums von Nairobi, wo Girokonten eher die Ausnahme darstellen. Aber auch Rechnungen für Wasser, Strom oder TV können mit der digitalen Option einfach beglichen werden.

17 Millionen Personen weltweit nutzen die Möglichkeiten des Dienstes mit dem Wort „Pesa“, was in Suaheli Geld bedeutet. Denn das Einzugsgebiet ist keineswegs mehr auf Afrika limitiert. In Indien hat besagtes Handy-Geschäftsmodell ebenfalls seine KundInnen gefunden. So wie in Europa: Rumänien wurde von Vodafone als Testmarkt auserkoren.

Aus gutem Grund, die Mehrzahl der 21 Millionen EinwohnerInnen besitzt zwar ein mobiles Endgerät, sehr viele müssen aber ohne eigenes Konto auskommen. Teilweise wegen ihres zu niedrigen Gehalts – da kommt das Handy als probate Lösung gerade recht. Die Funktion als Finanz-Feuerwehr übernimmt das Telefon aber auch in Gebieten, wo die Infrastruktur in Richtung Wüste tendiert. Wer zur Bank mit dem Auto eine halbe Stunde benötigt, sofern eine Bank überhaupt vorhanden ist, oder aufgrund mangelnder Breitband-Internet-Versorgung auf Online-Banking verzichten muss, weiß solche Auswege zu schätzen.

Mirko Kinigadner
Mirko Kinigadner, Fonmoney: „Social
Entrepreneurship kann die wirtschaftliche
Situation von Menschen verbessern
und valide Geschäftsmodelle ermöglichen.“

„In vielen Ländern besteht geringe Vor-Ort-Verfügbarkeit von Filialen oder Geldautomaten. Wo jedoch Mobiltelefone stark verbreitet sind, stellt M-Payment zunehmend eine Alternative zum Konto oder zur Kreditkarte dar. So werden selbst in Entwicklungsländern schnelle und kostengünstige Finanztransaktionen möglich. Es ist wichtig, Transaktionen auch länderübergreifend verfügbar zu machen. Durch die geografische Verschiebung von Bevölkerungsgruppen ist ein Trend entstanden, der bedient werden muss“, erklärt Moritz Hunzinger, CEO des Mobile-Payment-Anbieters Cashcloud, der heuer in 24 Ländern vertreten sein möchte.

MONEY FÜR MIGRANTINNEN
Somit zieht Mobile Banking immer weitere Kreise – nicht nur geografisch. Das Handy dient auch bei Menschen mit Migrationshintergrund oft als relevante Anlaufstelle, wenn Geld Familienmitglieder oder Freunde im Herkunftsland verlässlich erreichen soll. Es geht um das Sparpotenzial: Auf den konventionellen Wegen verbleibt ein wesentlicher Teil des meist in Kleinbeträgen überwiesenen Geldes als Spesen bei den Abwicklern. Durchschnittlich 2.000 Euro sendet ein Migrant, eine Migrantin in Österreich jährlich ins Herkunftsland.

Günstige Abhilfe verspricht das Start-up „Fonmoney“. Mit dem Wiener Online-Anbieter lässt sich Geld mittels IBAN und Empfängername auf ein Bankkonto transferieren. Oder aber die Summe gelangt als Handy-Guthaben in Länder wie Polen, Rumänien, Kroatien, Türkei, Ukraine oder Philippinen. Für diesen Zweck kann der edle Spender, die edle Spenderin ein Prepaid-Mobiltelefon über www.fonmoney. de aufladen. Erforderlich sind lediglich die Telefonnummer des Handys, dessen BesitzerIn in den Genuss des Guthabens kommen soll, sowie der zu bezahlende Betrag. Nach dem Procedere erhält der Empfänger oder die Empfängerin via SMS die Bestätigung über den Transfer. 

Präsent ist dieser Dienst immerhin schon in 23 Märkten, verzeichnet werden nach eigenen Angaben 10.000 aktive KundInnen. Gründer Mirko Kinigadner verweist auf die soziale Dimension hinter den Zahlen: „Rücküberweisungen sind für viele Familien die Haupteinkommensquelle. Gerade diese Menschen, die hart arbeiten, damit für ihre Lieben die Grundversorgung sichergestellt wird, leiden besonders unter den hohen Spesen herkömmlicher Transfersysteme.“ 

„Wir wollen mit diesem Service zeigen, dass Social Entrepreneurship die wirtschaftliche Situation von Menschen verbessern kann und gleichzeitig valide Geschäftsmodelle ermöglicht“, erklärt Kinigadner weiter. So also entsteht eine Verbindung zwischen Einsatz und Umsatz.

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Was zählt, sind die Menschen