Sparkassen Zeitung

Land und Märkte

Wo Tradition auf Leben trifft

Ausgabe #6 Dezember/2020 • FAMILIE
Herta Scheidinger

DER ERSTE BLICK AUF EINEN DER ALTEN, TRADITIONSREICHEN ERBHÖFE ERINNERT AN DIE KULISSE EINES HEIMATFILMS. IDYLLISCH STEHEN DIE BAUERNHÄUSER SEIT JAHRHUNDERTEN MITTEN IN DER NATUR. FELSEN IN DER BRANDUNG DER ZEIT, ALLEN HERAUSFORDERUNGEN TROTZEND.

Welcher Bauernhof sich Erbhof nennen darf, ist klar geregelt: Der Bauernhof muss mindestens 200 Jahre innerhalb derselben Familie ohne Unterbrechung, in gerader Linie oder in der Seitenlinie bis zum zweiten Grad, vererbt worden sein. Es muss sich um einen geschlossenen Hofhandeln, das Anwesen muss also genügend Ertrag für den Unterhalt der Familie gewährleisten. EigentümerInnen müssen den Hof selbst bewohnen und bewirtschaften.

Nur Höfe, die diese Voraussetzungen erfüllen, haben das Recht die Ehrenbezeichnung „Erbhof “ auf einer bronzenen Adlertafel zu tragen. Allein in Oberösterreich sind das weitmehr als 6.000 Höfe, in Salzburg sind es über 1.000. Und jährlich kommen neue dazu – im Vorjahr gab es in Tirol 17 Auszeichnungen zum Erbhof. Der Begriff „Erbhof “ hat im Hintergrund neben der Erhaltung einer lebendigen Tradition noch eine viel größere Bedeutung – nämlich dann, wenn es tatsächlich ums Erben geht. Erbhöfe spielen vor allem im Anerbengesetz eine wichtige Rolle. Dort will man die Zerstückelung und Zersplitterung von lebensfähigen Landwirtschaftsbetrieben verhindern. Dieses berechtigte volkswirtschaftliche Interesse an der Sicherung erhaltungswürdiger mittlerer land- und forstwirtschaftlicher Betriebe führte zur Schaffung erbrechtlicher Sonderbestimmungen.

Steht bei den Erbhöfen und ihren BewohnerInnen auch die Tradition im Mittelpunkt, so spielt die Weiterentwicklung eine nicht minder große Rolle, um auch in Zukunft zu überleben. Viele Erbhöfe öffnen daher ihre Tore für TouristInnen, die hier in die Geschichte eintauchen können.

TRADITION UND WEITERENTWICKLUNG

Der Schwoicherbauer am Stadtrand von Wörgl im Tiroler Unterland ist seit 1783 im Besitz von Familie Resch. Die Besitzübergänge zwischen den Generationen fanden 1804, 1806, 1810, 1853, 1884, 1940, 1973 und 2008 statt. Die Erbhofwürde wurde 1983 verliehen. Tradition und Innovation werden hier einfühlsam verbunden. Wohn- und Wirtschaftsgebäude wurden unter Berücksichtigung der ursprünglichen Tiroler Bauweise saniert und an die heutigen Anforderungen in der Landwirtschaft angepasst. Die derzeitige Eigentümerin Elisabeth Resch hat aus dem Anwesen einen wunderschönen Bio-Bauernhof mit eigenem Hofladen und großem Angebot für die Gäste gemacht. „Wir bewirtschaften den Bauernhof heute als zertifizierten biologischen Grünlandbetrieb“, erklären Elisabeth und Thomas Resch: „Die Schwerpunkte unseres Betriebes liegen in der Milchwirtschaft und in der Käseherstellung.“ Gerade jetzt in der Zeit der Corona-Krise gibt es am Hof aufgrund der Direktvermarktung ein extrem hohes Arbeitsaufkommen, das die Familie bewältigen muss. In der computergesteuerten Hofkäserei werden jährlich rund 70.000 Kilogramm Milch zu Weißschimmelkäse veredelt, der Rest wird an die Tirol Milch geliefert. Im April 2016 wurde die Direktvermarktung um Rohmilch und Naturjoghurt erweitert.

IN NEUNTER GENERATION

Der Biohof Kleintödling in Leogang blickt auf eine bewegte, fast 600-jährige Geschichte zurück. Von 1440 bis 1714 wechselte der Kleintödlinghof sieben Mal den Besitzer. 1736 gelangte das Kleintödlinggut mit dem Kauf durch Margaretha Niederseer in Familienbesitz der Familie Herzog. Von diesem Zeitpunkt an wurde der Salzburger Hof traditionell an die Söhne weitergegeben. Die letzte Übergabe erfolgte 2011 an Sebastian Herzog, der nun in neunter Generation den Bauernhof bewirtschaftet und in Zukunft die Landwirtschaft und die Gästezimmervermietung stärker verbinden wird. „Im Erbhof Kleintödlinggut können Sie Ihren Urlaub in einem traditionellen Bauernhof mitten in der Natur von Leogang verbringen“, wirbt Sebastian Herzog. Und das mit einem eindrucksvollen Rundblick auf die umliegende Bergwelt, den man vom geschichtsträchtigen Hof aus genießt. „Mit großen und modernen Ställen sorgen wir am Kleintödlinggut dafür, dass sich unsere Tiere richtig wohl fühlen. Neben einer artgerechten Unterkunftachten wir auf einen liebevollen Umgang mit unseren tierischen Mitbewohnern“, so Herzog. Neben Kühen und Kälbern wohnen hier Hühner, Kaninchen und Katzen; in den Sommermonaten sind meist auch noch ein paar Schweine am Hof zu finden.

KLEINOD ALPENLÄNDISCHER KULTUR

Familie Toifl
Der Erbhof Kleintödlinggut mit seinen BewohnerInnen
auf einem historischen Foto aus dem Jahr 1928
Foto: Ortsgeschichte-Leogang.at

Die Geschichte des Erbhofes Wildau in Salzburg begann im Jahre 1241, er ist damit eines der ältesten Gebäude im Lammertal. „Unser Erbhof Wildau aus dem 13. Jahrhundert ist ein Kleinod alpenländischer Kultur. Auf beeindruckende Weise spiegelt er unsere bäuerlichen Wurzeln und Traditionen wider“, schwärmt Christiane Quehenberger, deren Familie die Geschicke des Hofs nun seit fast 300 Jahren führt. In dieser Zeit blieb das Bauernhaus beinahe im Originalzustand, durch die Jahrhunderte liebevoll gepflegt und kaum verändert. Drei Generationen leben derzeit am Hof. Der Erbhof selbst wird nur privat genutzt: „Opa und Oma wohnen dort“, so Christiane Quehenberger. Das jetzige Bauernhaus wurde 1634 erbaut. Der bergseitige Keller mit Gewölbe wurde belassen und wieder draufgebaut. 

Bei Führungen durch den wunderschönen Erbhof, der gerne auch als Motiv für Werbeaufnahmen gebucht wird, erfährt man viel über Geschichte und Tradition – ist die Hofgeschichte doch lückenlos durch Urkunden dokumentiert. Auch die traditionellen Arbeitsweisen werden anhand von altem Werkzeug, wie Flachsbrechl, Flachskämme, Brunnrohrbohrer oder Krauthobel, in die heutige Zeit geholt. Wie wichtig ist es für die heutigen BesitzerInnen, die Familientradition an die nächsten Generationen weiterzugeben? „Nach knapp 800-jähriger Bewirtschaftung ist eine Weitervererbung unser aller oberstes Gebot!“, bekräftigt Christiane Quehenberger.

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