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Economy

Zeitenwende – Krisen bergen neuse Chancen

Ausgabe #Dezember/2022 • ZEITENWENDE
Stephan Scoppetta

DIE AKTUELLEN HERAUSFORDERUNGEN BELASTEN MENSCHEN UND UNTERNEHMEN. DOCH DIE KRISEN BIETEN AUCH MÖGLICHKEITEN, ETWA DIE THEMEN NACHHALTIGKEIT UND DIGITALISIERUNG ZU BESCHLEUNIGEN UND VON AUFSTREBENDEN MÄRKTEN ZU PROFITIEREN.

Steigende Inflation, Krieg in der Ukraine, Spannungen mit China, unterbrochene Lieferketten und eine drohende Rezession – an weltweiten Herausforderungen für Mensch und Unternehmen mangelt es derzeit nicht. Die zahlreichen geopolitischen und wirtschaftlichen Verwerfungen lassen sich nicht einfach ignorieren, sondern erfordern eine Reaktion. Die Herausforderungen sind groß, doch bisher konnten wir diese besser bewältigen als erwartet. Zudem bieten solche Entwicklungen auch besondere Chancen für nachhaltige Neuorientierungen. Denn Krisen waren schon immer ein Motor für Veränderungen in Politik, Wirtschaft und Kultur.

WACHSTUM SINKT
Für das laufende Jahr 2022 sagt die EU-Kommission in ihrer aktuellen Prognose der österreichischen Wirtschaft ein Wachstumsplus von 4,6 Prozent voraus. Die Inflation wird von heuer 8,7 Prozent auf 6,7 Prozent 2023 und 3,3 Prozent im Jahr 2024 zurückgehen, so die Erwartungen der Kommission. 2023 wird sich die österreichische Wirtschaft auf ein Wachstum von nur mehr 0,3 Prozent einbremsen. Im Jahr 2024 soll die Wirtschaft der Eurozone dann wieder um 1,5 Prozent wachsen. Erfreulich stabil ist dabei der Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosenrate wird demnach in Österreich von heuer 5,0 Prozent auf 5,2 Prozent 2023 und 5,3 Prozent im Jahr 2024 leicht steigen. Die hohen Energiepreise schlagen sich bei der Inflation nieder, aber deutlich weniger als erwartet. Den heimischen Unternehmen ist es bisher gut gelungen, die steigenden Preise in höhere Verkaufspreise umzusetzen. Trotzdem ist die Stimmung in der Industrie und bei Konsument:innen aktuell schlechter als die Lage.

NACHHALTIGKEIT RÜCKT IN DEN FOKUS
Nun gilt es, Schlüsse aus der Krise zu ziehen und zu handeln. Eine wesentliche Erkenntnis aus der Energiekrise der letzten Monate war, dass Österreich, aber auch die EU, in den letzten Jahrzehnten zu sehr auf kurzfristigen Wohlstand und schnelles Wachstum statt auf strategische und nachhaltige Politik gesetzt haben. Mit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine am 14. Februar 2022 wurde klar, dass die Ära des billigen fossilen Brennstoffs Gas in Europa vorbei ist. Mehr als 40 Prozent des in die EU importierten Gases kam bisher aus Russland. In Österreich ist die Abhängigkeit mit rund 80 Prozent des hierzulande verbrauchten Gases noch höher. Die derzeitige Krise könnte nun die Transformation in Richtung mehr Nachhaltigkeit beschleunigen. Neben dem Thema Versorgungssicherheit geht es auch um eine gemeinsame Energiepolitik in Europa. Investitionen in erneuerbare Energien und entsprechende Ersatzkapazitäten bzw. in den Netzausbau sind essenziell. Milliardeninvestitionen in den nächsten Jahren sind notwendig und bringen große Chancen für österreichische Unternehmen, die in diesem Segment viel Knowhow und Erfahrung besitzen. Der Erneuerbaren-Ausbau würde Österreichs Wirtschaft zudem konkurrenzfähig halten und ökonomische Erschütterungen wie die Folgen des Ukraine-Kriegs würden geringer ausfallen als heute.

DIGITALISIERUNG WEITER VORANTREIBEN
Österreich erfuhr bereits in der Pandemie einen enormen Digitalisierungsschub. Auch 2022 konnte die Republik im DESI (Index für digitale Wirtschaft und Gesellschaft) den zehnten Platz hinter Estland in der EU-27 verteidigen. Allerdings verläuft die Digitalisierung in Österreich bis dato uneinheitlich und unkoordiniert. Dabei tun sich gerade für den heimischen Mittelstand große Chancen in den Digitalbereichen auf. Laut EY-Studie mit 628 mittelständischen Unternehmen mit 30 bis 2.000 Mitarbeiter:innen in Österreich war der digitale Ansatz vor ein paar Jahren noch ein Zukunftsthema, heute stecken viele Unternehmen bereits mitten in der Umsetzung. Die Bedeutung digitaler Technologien für das Geschäftsmodell mittelständischer Unternehmen ist gegenüber dem Vorjahr erneut leicht gewachsen: 80 Prozent der Betriebe schreiben ihnen inzwischen eine mittelgroße Bedeutung zu – vor einem Jahr noch lag der Anteil bei 77 Prozent. 29 Prozent (Vorjahr: 30 Prozent) bewerten die Rolle der Digitalisierung sogar als sehr groß. Rund jeder sechste Mittelständler (16 Prozent) will Cloud Computing einführen, zwölf Prozent möchten in den kommenden zwei Jahren Data Analytics nutzen und jeder zehnte Mittelständler (10 Prozent) plant den Einsatz von künstlicher Intelligenz. Dabei liegt der Fokus auf dem Aufbau digitaler Kundenbeziehungen, dem Einsatz von mobilen Endgeräten und analytischen Werkzeugen, um die Bedürfnisse der Kund:innen besser zu verstehen bzw. die Angebote zu personalisieren. Christoph Mayer, Partner und Verantwortlicher für die EY Microsoft Services Group bei EY Österreich: „Österreich steht als Wirtschaftsstandort unter einem hohen Wettbewerbsdruck. Innovation ist für Österreich als Hochlohn-Land der wesentlichste Ansatz für Wachstum – und, um mit der Konkurrenz mithalten zu können. Schnelle Veränderungen fordern schnelle Implementierungen. Die Digitalisierung ist dabei einer der wichtigsten Standortfaktoren.“

WACHSTUMSMARKT OSTEUROPA
Die Länder Mittel-, Ost- und Südosteuropas haben die Folgen des russischen Angriffs auf die Ukraine besser überstanden als befürchtet, sind die Ökonom:innen des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) in ihrer letzten Prognose überzeugt. Weil die wirtschaftliche Erholung nach der Pandemie in vielen Ländern der Region unerwartet stark war, hat das WIIW seine Konjunkturprognose nach oben revidiert. Für das Gesamtjahr 2022 wird nun für die EU-Mitgliedstaaten Mittel-, Ost- und Südosteuropas ein Wachstum von 3,9 und für die Westbalkan- Staaten von 3,1 Prozent erwartet. Das ist zwar weniger als 2021, aber angesichts des Ukraine-Krieges dennoch überraschend gut. Außerdem liegt die Staatsverschuldung in Relation zum Bruttoinlandsprodukt in Tschechien bei 44, in der Slowakei bei 60 und in Ungarn bei 77 Prozent. Auch der Arbeitsmarkt ist in diesen Ländern robust. Trotz der aktuell schwierigen Rahmenbedingungen bleibt dieser Raum somit eine wichtige Zukunftsregion Europas, von der auch Österreich in Zukunft profitieren wird.


Foto: Samuel Gerersdorfer

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